Unsere Festivalmomente 2019

Miteinander erleben
Das Theaterfestival Grenzenlos Kultur war auf jeder Ebene ein großer Genuss – schwer, einen spezifischen Lieblingsmoment festzulegen. Was jedoch alle Produktionen gemeinsam hatten, war das energiegeladene Umfeld im Saal: beobachten und anstecken lassen von den benachbarten Zuschauer*innen und Darsteller*innen auf der Bühne. Nach jeder Inszenierung verließ ich den Saal mit einem Staunen, Grübeln oder Lächeln im Gesicht. Es war spannend verschiedene Produktionen zu sehen, welche sich vom alltäglichen Einheitsbrei abheben und wieder Lust machen Theater zu erleben.
L.H.

Ein Platz für alle
Ein Hirschkopf. Ein Röhren. Ein Rülpsgespräch. Sind so Männer? Wenn acht Frauen mit Bart Männer-Witze machen und dabei breitbeinig über die Bühne stolzieren, wenn sie wie Männer tanzen und dabei widerlich lasziv ihre Hüften und Zungen zucken lassen, ist das auf jeden Fall zum Totlachen komisch. „Diane for a day“ war nicht nur witzig, sondern hinterfragt auch Menschenbilder. Auch mein Eigenes. Und mein Bild vom Theatermachen. Das Festival sprengt wirklich Denkgrenzen und hat mir geholfen zu verstehen, was Inklusion im Theater anbietet: einen Platz für alle. Einen Ort, wo alle sich wohlfühlen sollen. Eine Heimat.
M.S.

Hallt nach
Chinchilla Arschloch, waswas“ begleitete mich noch lange nach der Aufführung. Besonders der Aspekt der vermeintlichen ‚Störungen‘ (im Sinne von Fehlverhalten) innerhalb festgelegter Regeln.
A.W.

Ein rücksichtsloser Spiegel
Die Inszenierung von „Mund-Stück“. Zwei Künstler*innen, die als Sprachrohr einer Gesellschaft fungieren. Ungefiltert, wertfrei äußern sie Gedanken eines deutschen Querschnitts. Das ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird. Ein rücksichtsloser Spiegel, mit Neonlicht, in dem das Gesicht der Gesellschaft mit allen Falten und Narben, allen Schönheitsflecken und Grübchen perfekt ausgeleuchtet und offenbart wird. Mal sieht man sich einer schockierend rassistischen Fratze gegenüber, mal lächelt die Hoffnung einem leise zu. Aufwühlend und intensiv – so ließe sich der Abend und die Festivalzeit im Gesamten von mir zusammenfassen.
P.K.

Lachen
Bei der Aufführung von „Zehn Meter in den Wilden Westen” von und mit Dennis Seidel musste ich ein paar Mal richtig lachen. Das fand ich ganz wunderbar, denn es hat mir gezeigt: Man kann auch mit viel Humor und ohne moralischen Zeigefinger wichtige Themen ansprechen. Ich glaube, ich habe im Theater noch nie so oft unbefangen lachen können wie in diesen zwei Festival-Wochen.
P.D.L.

Im Gespräch
Am spannendsten war für mich das Interview mit den beiden gehörlosen Darstellern von „FLIRT“. Ich war auf doppelte Art und Weise (Interview + eines ohne Lautsprache) sehr darauf gespannt und nervös, wie das aussehen wird. Ich wurde dann positiv überrascht, weil ich sehr viel verstanden habe und meine beiden Interviewpartner super drauf waren.
L.F.

Inklusions-Baustellen
Am beeindruckendsten an dem Festival war die Vielfalt, die zu sehen war. Barrieren gibt es auf vielen verschiedenen Ebenen und gerade das Symposium zum Thema Barrierefreiheit im Theater bot viele faszinierende neue Denkanstöße. Am meisten lachen konnte ich bei „Chinchilla Arschloch, waswas” und „this is not a safe space“, die humorvoll auf Inklusions-Baustellen in unserer Gesellschaft hinweisen.
N.J.

Flirt-Gesichter
Mein Lieblingsmoment während des Grenzenlos Kultur Festivals war es, nach der abschließenden Aufführung von „FLIRT” mit einem frisch gepressten Saft auf der U17 Bühne zu stehen und mit dem Rest des Publikums Flirt-Gesichter auszutauschen. Ein Anfängerkurs in Gebärdensprache steht jetzt fest auf meiner To-Do-Liste fürs nächste Semester.
E.R.

Augen öffnen
Mein eindrucksvollster Moment beim Festival war nach den ohnehin schon sehr bewegenden „NSU-Monologen“, als von den Zuschauer*innen noch lange nahezu ehrfürchtig innegehalten wurde, bis sie klatschten. Es gab das Gefühl, dass dieses Thema sich gesetzt hat, sich an diesem Abend in den Köpfen noch mehr manifestiert hat, ein Stück die Augen geöffnet hat. Die Taten des Rechten Terrors müssen weiter aufgedeckt und beleuchtet werden!
M.H.

Spiel’s noch einmal
Im Theater zu sitzen und zu merken, dass Abende wie „Zehn Meter in den Wilden Westen“ und „OZ, OZ, OZ!“ seit ihren Premieren noch einmal viel stärker geworden sind. Ein großer Spaß!
G.K.

Mehr Bier!
Leider musste Jackie Hagan aus gesundheitlichen Gründen spontan unser geplantes Interview absagen. Dennoch war es eines meiner persönlichen Highlights, nach ihrer Performance „This is not a Safe Space” kurz mit ihr reden zu können. Sie zeigte großes Interesse an unserem Blog und forderte, dass mehr Bier im Theater getrunken wird. Ihre lustige und offene Persona, die man in der Performance kennen lernen durfte, übertrug sich also auch in das Privatgespräch. Ich freue mich schon darauf, wenn die Britin das nächste Mal nach Deutschland kommt.
A.H.

„So müsste Theater immer sein“
Nach der letzten Vorstellung des Festivals, „FLIRT“ von Wera Mahne, standen Zuschauer*innen und Darsteller*innen anstatt zu applaudieren oder sich zu verbeugen gemeinsam auf der U17 Bühne. Man unterhielt sich, bekam einen Smoothie angeboten. Man fühlte sich willkommen. Neben mir sagte jemand zu seinem Gegenüber: „So müsste Theater immer sein.“ Ich dachte an die vielen tollen Inszenierungen der letzten Tage, an die freundliche und offene Atmosphäre des Festivals und an das inspirierende Symposium. Ja, der jemand neben mir hatte Recht.
A.P.

Georg Kasch

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur bei nachtkritik.de, schreibt für Tages- und Wochenzeitungen und bastelt Sendungen für den Rundfunk. Außerdem unterrichtet er an der Freien Universität Berlin und an der Bayerischen Theaterakademie in München. www.georgkasch.de