„Da oben sind noch Plätze“, ruft der Tod den suchenden Zuschauer*innen zu und weist auf die oberen Reihen im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz. Dort sei aber nicht das Paradies. Man sei schließlich in Mainz. Einige Zuschauer*innen suchen noch ihre Sitze, doch die Aufführung hat längst begonnen. Der Tod wartet nicht.
EigenRegie zeigt im Rahmen von „Grenzenlos Kultur“ drei voneinander unabhängige Arbeiten. Zuerst ist Der Tod vom Berliner Theater Thikwa (Regie Tobias Brunwinkel und Max Edgar Freitag) zu sehen. Es folgt chAOsvon tanzbar_bremen und nach einer kurzen Pause endet der Abend mit Das Geheimnis der Falkenbucht von Friederike Jaglitz aus der Hamburger Gruppe Meine Damen und Herren.
Der Titel ist dabei wörtlich zu verstehen. Die beteiligten Künstler*innen mit kognitiver Behinderung stehen nicht nur auf der Bühne. Sie entwickeln eigene Stoffe und Konzepte. Je nach Projekt übernehmen sie die Regie, schreiben Texte oder entwickeln die Choreografie und machen die Ausstattung. Kompliz*innen beraten sie während der Arbeit. Die Entscheidungen treffen sie jedoch selbst.
Ein Friedhof voller Leben
Nebel liegt zwischen Grabsteinen, Totenschädeln und roten Grablichtern. Im Hintergrund zeigt eine Projektion auf der gesamten Bühnenrückwand eines alten, von Pflanzen überwucherten Friedhofs. Das Licht ist kalt und grau. Glockenschläge und Klänge wie aus einem Horrorfilm sind zu hören. Auch der Tod sieht so aus, wie man ihn erwartet – bekleidet mit einem langen schwarzen Umhang und einer großen Sense in der Hand. Doch die düstere Stimmung hält nicht lange an. Schon der Witz über das Paradies in Mainz bringt das Publikum zum Lachen. Der Kontrast zwischen hemmungslosem Humor einerseits und Ernsthaftigkeit bis hin zu Schauer anderseits bestimmt das ganze Stück. Während Kostüme und Bühnenbild gruselig aussehen, hauchen die Figuren wortstark und aberwitzig dem Stück und dessen Thema zum Trotz viel Leben ein.

Neben einem der Grabsteine rechts auf der Bühne sitzt eine Friedhofsgärtnerin. Sie spricht in ein Mikrofon und gibt Anweisungen zum Lachen, oder auf den Boden klopfen. Dabei spricht sie so dramatisch wie eine Stimme in einem Horrorfilm und übernimmt für einen Moment live die Regie. Dann erwacht einer der Schauspieler (Robert Janning) in einem auffälligen Hawaiihemd in seinem Grab. Sein Gesicht ist weiß geschminkt, seine Augen schwarz umrandet. Er hat keine Ahnung, wo er ist, bis sein Grabnachbar ihm erklärt, dass er tot sei. Er erinnere sich nur noch an eine Operation. Die Ärzte hätten ihr Bestes gegeben, sagt sein Nachbar. Darauf entgegnet der Tote, das könne nicht sein. Denn wenn sie wirklich ihr Bestes gegeben hätten, wäre er nicht hier.
Der Grabnachbar versucht, dem frisch Verstorbenen Mut zu machen. Nur der Körper liege im Grab. Geist und Seele könnten weiterhin durch die Welt reisen. Darüber hinaus gebe es keine Verpflichtungen und keine Verantwortung mehr. Voller Begeisterung wirbt er fürs Jenseits.
Schließlich nimmt der Grabnachbar eine Gitarre und singt zunächst allein, dann stimmt die Friedhofsgärtnerin mit ein. Es wird getanzt und musiziert. Die Grabsteine, Totenköpfe und der Nebel verschwinden nicht. Trotzdem wirkt der Friedhof weniger kalt.

Weniger begeistert, trotzdem mit viel Komik klagt der Tod über seinen Beruf: Ständig würden Leute sterben, so müsse er jeden Tag und rund um die Uhr arbeiten. Kriege machten ihm noch mehr Arbeit. Der Weihnachtsmann habe es viel leichter. Er arbeite schließlich nur einen Monat im Jahr. Das ist lustig. Der Satz über den Krieg bleibt dennoch hängen.
Wenig später sucht der Tod im Publikum nach einer Begleitung. Eine Person sehe noch zu gesund aus, eine andere so hübsch mit ihrer Brille. Sie solle auch noch nicht sterben. Schließlich entdeckt er oben im Zuschauerraum eine junge Frau. Sie allerdings möchte nicht mitkommen. „Es ist nur eine Probe“, versichert ihr der Tod, woraufhin sie ihm folgt und sich brav vor den ihr zugedachten Grabstein legt.
Der Tod ist eine lustige und gleichsam zärtliche Annäherung an das Thema. Und es ist eine überzeugende Regiearbeit. Das liegt nicht nur an den Witzen. Bühnenbild, Kostüme, Licht und Klänge bauen zunächst eine bekannte Gruselwelt auf. Das Spiel bricht diese Welt immer wieder auf. So kann man über den Tod lachen, ohne ihn lächerlich zu machen.
Die Klimakrise im Körper
Die Bühne ist plötzlich leer. Nur Tim Gerhards und Till Krumwiede stehen barfuß im Raum. Zu dramatischen Klängen laufen sie gemeinsam im Kreis. In ihrer grauen und khakifarbenen Kleidung könnten sie Soldaten sein. Mit der Zeit werden ihre Schritte schwerer. Einer beugt sich nach vorn und fällt, läuft auf Händen und Füßen weiter, richtet sich wieder auf. Sie bewegen sich weiter: Tim Gerhards trägt Till Krumwiede auf seinem Rücken.

Die Stimmung verändert sich: Orangefarbenes Licht lässt den Raum heiß wirken. Wind ist zu hören. Ein Hubschrauber ist zu erahnen. Obwohl die Bühne leer bleibt, entsteht der Eindruck einer Umgebung, in der jeder Weg anstrengend ist.
Dann ist Regen zu hören, das Licht wird lau. Beide Tänzer liegen erschöpft auf dem Boden. Sie kriechen langsam zur Mitte. Dort fassen sie sich an den Händen und ziehen einander hoch. Nur so schaffen sie es, wieder aufzustehen: Keiner ist stark genug, den anderen allein zu retten. Nur gemeinsam schaffen sie es, hochzukommen. Doch ihre Beziehung ändert sich. Tiefe Bässe und technoartige Klänge werden lauter. Sie ballen die Fäuste. Sie wenden sich auch gegeneinander und beginnen einander zu schubsen. Ihre Bewegungen werden schneller, härter und kantiger. Zur körperlichen Erschöpfung kommt nun ein Streit.

Im letzten Bild hält der Gerhards den Fuß von Krumwiede mit beiden Händen. Dieser sitzt nun auf Gerhards Schulter und legt eine Hand auf dessen Kopf. Trotz der unbequemen und unsicheren Haltung schaffen sie es, weiterzugehen. Beide schauen in eine ungewisse Ferne. Orangefarbenes und grünes Licht fällt auf ihre Gesichter. chAOs spricht fast Worte über die Bedrohung durch den Klimawandel. Statt einer Erklärung zeigt das Stück zwei Körper, die laufen, stürzen, tragen, kämpfen und erneut aufstehen. Licht und Geräusche geben diesen Bewegungen eine Umgebung, die sich als unwirtlich und gefährlich herausstellt. Krumwiede und Gerhards durchqueren sie als zwei Gefährten, die in feindlicher Umgebung zusammenhalten. Gerade die leere Bühne lenkt den Blick auf ihre Bewegungen und die Kraft und Anstrengung, die in ihnen liegt.
Vom Menschen zum Falken
Auf der Leinwand dreht ein kleiner Vogel den Kopf. Davor sitzt Friederike Jaglitz in einem Lichtkegel und macht dieselbe Bewegung. Fliegt der Vogel los, breitet auch sie ihre Arme aus, steht auf und läuft mit flügelähnlichen Bewegungen durch den Raum. Rundherum Gegenstände, die unter blauen Tüchern verborgen sind.

Eine ruhige Melodie beginnt und Jaglitz’ Stimme ertönt aus dem Off. Sie erzählt von ihrer Begeisterung für Schwanensee und Sindbad den Seefahrer. Beides diente ihr als Inspiration für eine eigene Geschichte.
Auf einem weißen Tisch liegen Fotos, Vogelbilder, Kostümentwürfe und eine CD von Schwanensee. Jaglitz zeigt und ordnet sie nebeneinander. Aus einer Vogelperspektive überträgt eine Kamera das Bild auf die Rückwand, so wirkt die Szene wie das gemeinsame Anschauen eines Fotoalbums und gewährt Einblick in die Entstehung des Stücks.
Die Melodie verändert sich. Jaglitz erzählt von einer Bucht unterhalb der antiken Stadt Sparta. Das erste blaue Tuch wird gelüftet. Kleine selbst gebaute und mit Figuren gefüllte Gebäude kommen zum Vorschein. Alle Requisiten und die gesamte Ausstattung hat Jaglitz in monatelanger Arbeit selbst angefertigt.
Mit Hintergrundinformationen zu verschiedenen Farben der Falken enthüllt Jaglitz vier weitere Falkenfiguren. Sie tragen farbige Vogelmasken mit spitzen Schnäbeln. Gestreifte, gehäkelte Umhänge liegen über ihren Körpern, die auf ihrem angestammten Platz stehen bleiben.
In Erinnerung an ihre Schulzeit erklärt Jaglitz, warum Vögel für sie eine so wichtige Rolle spielen. In der Aufführung von Grimms Der treue Johannes habe sie in der Rabengestalt ein Gefühl von Freiheit erlebt und gedacht: „Ich bin ein Vogel.“ Damit beginnt ihre Verwandlung: Eine Maske formt ihr Gesicht zu einem Vogelkopf mit spitzem Schnabel. Über ihrem Körper liegt ein gehäkelter Überwurf, dessen lange Stoffteile Flügel bilden. Während sie zu Beginn Vögel bloß nachahmte, ist sie nun selbst zu einem Falken geworden. Die Geschichten der Vorlagen der Verwandlung in Tiere durch böse Mächte werden umgedeutet und angeeignet zu einem Befreiungsmoment. Zu Tschaikowskys Schwanensee tanzt sie über die Bühne. Die Rückwand fährt hoch, eine dahinter verborgene Treppe wird auf die Bühne geschoben. Jaglitz steigt bis nach oben und steht mit ausgebreiteten Flügeln über dem Publikum.

Das Ende ist abrupt und endet dort, wo ihre erfundene Welt lebendig zu werden beginnt. Das Geheimnis der Falkenbucht war als Einblick in die Konzeption eines größeren Tanzstücks angekündigt, nicht als vollständiges Werk. Jaglitz’ persönliche Erinnerung, die Modelle und das Kostüm machen neugierig und hinterlassen das Gefühl, nur den Anfang einer größeren Reise gesehen zu haben.
Drei Handschriften, ein Abend
Der Abend führt von einem makabren Friedhof über eine körperliche Krisenerfahrung bis in eine persönliche Fantasiewelt.Der Tod unterhält und überrascht. chAOs bedrängt und berührt. Die Falkenbucht öffnet eine fantasievolle Welt, die noch auf ihre Fortsetzung wartet. Drei deutlich verschiedene Eindrücke bleiben zurück und lassen hoffen, dass es mehr geben wird: mehr Stücke in Eigenregie.