Dein Stück arbeitet mit dem Material von Schwanensee und Sindbad. Wie kam es zum Cross-over zwischen den beiden Stoffen? Was bedeuten diese beiden Geschichten für dich?
Friederike Jaglitz: Die Grundidee für eine solche Transformation der Motive hatte ich schon 2020, als man wegen der Corona-Pandemie nicht auf die Bühne konnte. Ich habe zunächst versucht, verschiedene Welten zu kombinieren, zum Beispiel Karl May mit dem fernen Indien oder Karl May mit Star Wars. Das hat nie so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe. Dann kam mir der Wunsch, die Idee mit einer Ballettgeschichte umzusetzen – Schwanensee und die Begeisterung war sofort wieder da. Ich versuchte es mit der ZDF-Serie Sindbads Abenteuer, die 44 Folgen umfasst, und zu meiner Überraschung klappte das wunderbar. Rein zufällig spielte dort auch ein kleiner Falke eine Rolle.
Der Falke ist für mich ein besonderes Tier: In der Original-Miniserie ist der Habichtsfalke in Wirklichkeit ein Mensch, der aus Liebes-Eifersucht von der Zauberin Rumina verwandelt wurde, weil er ihre Liebe nicht erwiderte. Seine Schwester versucht in der Serie, diesen Fluch zu brechen. Diese Vorlage fand ich so genial, dass ich sie abwandeln wollte.
Welche Bedeutung hat Tschaikowskis Musik für dich? Tanzt du mit der Musik oder gegen sie?
Friederike Jaglitz: Wenn das gesamte Stück fertig ist, sollen ausgewählte Motive verwendet werden, die genau zur Handlung passen. Der Musikteil des jetzigen Standes symbolisiert die Verwandlung vom Menschen zum Falken. An den dramatischen Stellen zeigt er den inneren Kampf gegen die Verwandlung, bei dem die mächtigere Kraft schließlich die Oberhand behält. Ich nutze den Finalteil des vierten Aktes, in dem Siegfried normalerweise gegen Rotbart kämpft und ihn besiegt. Dieser Endkampf passte perfekt für meine Verwandlungsszene.

Welche Bewegungen sind dir besonders wichtig, um die Transformation und den Kampf darzustellen?
Friederike Jaglitz: Mir ist wichtig, dem Publikum bewegungssprachlich zu vermitteln, wie der menschliche Körper langsam in den eines Falken übergeht. Es geht um zwei Qualitäten: das Ankämpfen gegen die Verwandlung und das spätere Annehmen und Genießen dieser neuen Gestalt. Ich stelle das sehr groß und dramatisch dar. Ich blicke etwa auf meine Hand und realisiere: „Das ist doch gar keine Hand mehr, sondern ein Flügel!“ Bei dramatischen Stellen oder Paukenschlägen lasse ich mich nach vorne fallen und denke: „Jetzt endet der menschliche Körper.“ Ich versuche mich aufzurichten, schaffe es aber nicht mehr.
Was bedeutet es für dich, mit diesem Stück auf einer großen Festivalbühne zu stehen?
Friederike Jaglitz: Ich bin schon seit Jahren auf Festivals unterwegs. Ich hatte ursprünglich gar nicht geplant, mich mit dieser Arbeit für Gastspiele zu bewerben, sondern wollte einfach ein Tanzstück kreieren. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich als Erste aus der Kompanie gefragt wurde, ob Die Falkenbucht nach Mainz reisen kann. Beim Showing haben mir viele zurückgemeldet, dass das Stück ein absolutes Highlight sei.
Welche Unterstützung hattest du?
Friederike Jaglitz: Zu Beginn des Konzepts wurde ich gefragt, ob ich mir eine externe Beratung wünsche. Ich habe die mexikanische Choreografin Yolanda Morales vorgeschlagen, die ich seit einigen Jahren kenne. Die Arbeit mit ihr war sehr wertvoll, um herauszufinden, wie man die Verwandlung choreografisch vom menschlichen Körper in den Falken übersetzt. Später hat mich Simone Burckhardt im Prozess begleitet.
Wo lagen die größten Herausforderungen während der Entwicklung?
Friederike Jaglitz: Eine echte Herausforderung war das Zeitlimit von 15 Minuten bei der Präsentation. Ich hatte eine Geschichte in vier Akten verfasst und musste entscheiden, was ich davon zeige und wie das Bühnenbild aufgebaut wird. Da war ich sehr froh über Simones Beratung.
Wie war der Prozess, selbst Regie zu führen und gleichzeitig auf der Bühne zu stehen?
Friederike Jaglitz: Als Choreografin selbst auf der Bühne zu stehen, war eine Herausforderung. Zu Beginn hatte ich große Sorge, mir die genauen Bewegungsabläufe zur Musik nicht merken zu können und bei jeder Probe etwas Neues zu machen. Es war schweißtreibend, das Timing mit den musikalischen Einsätzen exakt einzuhalten.
Simone Burckhardt: Wir haben Proben auf Video festgehalten, aber Rike hat auch einfach ein hervorragendes Gedächtnis!
Wie fühlst du dich in der Rolle der Regisseurin?
Friederike Jaglitz: Es fühlt sich gut an und macht Spaß. Aber ehrlich gesagt stehe ich lieber auf der Bühne, als Regie über andere zu führen. Ich neige dazu, sehr direkt und streng zu sein, wenn etwas nicht funktioniert. Ich möchte mich nicht ständig fragen müssen, ob ich mich im Ton vergriffen habe oder zu hart zu Kolleginnen und Kollegen war. Über mich selbst Regie zu führen, macht mir daher am meisten Spaß: Da weiß ich genau, dass ich streng mit mir sein und mich korrigieren kann, ohne jemanden zu verletzen.
Wie wichtig ist dir das Mitspracherecht bei technischen Entscheidungen?
Friederike Jaglitz: Mir ist es extrem wichtig, selbst mitzuentscheiden und nicht übergangen zu werden. Schließlich ist es meine Idee, die auf die Bühne gebracht wird.
Wie geht es mit dem Projekt in Zukunft weiter?
Friederike Jaglitz: Ursprünglich wollte ich das Stück mit fünf Kolleginnen und Kollegen umsetzen. Da es jedoch schwierig war, Probenzeiten abzustimmen, entwickelte sich nach der Inspiration durch eine Arbeit meines Kollegen Michael Schumacher die Idee, ein Solo-Tanzstück daraus zu machen. Ich freue mich darauf, das Stück nun Schritt für Schritt im Alleingang weiter auszubauen.