Spotlight auf die Mitte der Bühne, ruhige Musik, im Hintergrund ein Flipchart mit einer abgeänderten Version des Vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci. Dazu zwei Körper, die ihre „Asymmetrien“ im Tanz ergänzen.
Bobbi Byrne und Soso Ní Cheallaigh präsentieren als Tänzer*innen und Choreograf*innen zugleich in der U17 am Mainzer Staatstheater Variations for Two Disabled Bodies als eine Kombination aus Tanz- und Lectureperformance. Als beste Freund*innen erzählen sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Behinderung und Geschlechtsidentität. Dabei setzen Bobbi und Soso sich selbst mit ihren Körpern und der gesellschaftlichen Vorstellung von „Normalität“ auseinander. Dabei steht die Frage, weshalb bestimmte Körper als „ideal“ und andere als „fehlerhaft“ betrachtet werden, im Mittelpunkt der Performance.

Es beginnt mit einer längeren Einleitung durch die beiden Performer*innen in Laborkitteln, in der sie sich vorstellen. Sie gehen dabei genau auf ihre Behinderungen ein und betonen, dass sie diese als Stärken des eigenen Körpers sehen. Bobbi stellt fest: „normal is boring“ und zählt ihren rechten Arm, welcher bis zum Ellbogen geht, zu einem der coolsten Dinge an ihr auf. Soso hat die Operationsnarben auf ihrem Bauch „Spice Girls“ getauft. Dazu kommen Sosos nicht sichtbare Behinderungen. Die liebevolle und humorvolle Umgangsweise mit sich selbst und miteinander kann man durch die gesamte Performance beobachten. Dadurch schaffen sie es auf eine ausgelassene, pfiffige Art, eine persönliche Atmosphäre zu schaffen.
Zwischen erläuternden Sequenzen werden immer wieder tänzerische Elemente eingebaut, die das Erzählte verdeutlichen. Sie vergleichen ihre Körper und finden Schwächen, die sie durch andere Perspektiven und Umgangsweisen als Stärke hervorheben können. So hat Bobbi gelernt, wie sie sich einfacher auf den Boden abrollen kann, ohne ihre Arme nutzen zu müssen, und mit mehr Schwung auf den Füßen landet. Soso hingegen hat nach mehrfachem Ausprobieren den asymmetrischen 5/4-Takt für die Musik gefunden, mit dem Soso sich besser konzentrieren kann. Während der Performance werden die getanzten Elemente und die Elemente der Lectureperformance immer mehr zu einer Symbiose und damit einem Tanz miteinander.
Über den „gay aerobic instructor“, der im Fernsehen fehlte, öffnet die Performance eine weitere Ebene. Neben Behinderungen rücken Gender und damit zusammenhängende gesellschaftliche Erwartungen als Thema in den Fokus. Die beiden Künstler*innen stellen dabei nicht nur die Frage, was einen Körper zu einem „richtigen“ Körper macht, sondern auch, wer eigentlich darüber entscheidet, welche Identitäten wir annehmen dürfen.

Auch das Flipchart mit verschiedenen Ikonen der Musikgeschichte greift diese Fragen auf. In Verbindung mit der Musik von Wendy Carlos und Sophie Xeon werden Transidentität und Nonbinarität thematisiert. Ihre elektronische Musik arbeitet mit einer bewussten Verschiebung und Auflösung musikalischer Vorstellungen von Symmetrie und Ordnung, während sie als Künstlerinnen zugleich für einen selbstbestimmten Umgang mit Geschlechtsidentität stehen.
Auf die Aussage „I don’t feel as a dancer“ von Soso folgt die nüchterne Feststellung „We are in a dance show right now“. Aber was macht einen Menschen überhaupt zu einer Tänzer*in? Die Performance gibt darauf keine eindeutige Antwort, sondern löst die vermeintliche Grenze zwischen „Tänzer*in“ und „Nicht-Tänzer*in“ auf. Sich selbst als Tänzer*in zu bezeichnen wird zu einem Moment der Selbstbestimmung.
Das Imposter-Syndrom, das die eigenen Fähigkeiten fundamental in Zweifel zieht, wird auf der Bühne thematisiert und umgedeutet: Abseits körperlicher Normvorstellung stehen sie als Tänzer*innen auf der Bühne und gewinnen die Deutungshoheit über ihre Körper und Identitäten zurück.
Besonders eindrücklich wird dieser Gedanke während des Liedes „Don’t tell me what to do“ von Pam Tillis. Durch Ela Cichoka, die das gesamte Stück in Gebärdensprache verdolmetscht und jetzt aktiv ins Bühnengeschehen tritt, erhält die Zeile eine besondere Bedeutung. Sprache wird hier nicht nur gesprochen, sondern körperlich sichtbar gemacht und die Aufforderung zur Selbstbestimmung zu einer Bewegung.
Die Nähe von Soso und Bobbi lässt sich sehen und spüren. Das Stück wird ein persönlicher Einblick, wie Seiten eines Tagebuchs, in dem die beiden Künstler*innen sich nicht dazu zwingen, Perfektion hervorzurufen, sondern Platz für Gedanken und das eigene Wohlfühlen zu finden. So wirkt die Performance an manchen Stellen fragmentarisch. Das aber macht die Inszenierung aus und spiegelt die Schönheit von Individualität und Unterschieden wider.