„Kämpft für alle, die weniger privilegiert sind als ihr“

Überraschend werden die Zuschauer*innen mit einer scheinbar einfachen Aufgabe konfrontiert. Sie sollen sich lediglich einen Namen der titelgebenden, im Stück präsentierten Frauen merken. Der Co-Host Sefa Küskü springt durch das Publikum und lässt die Zuschauer*innen jeweils bis 33 zählen, ehe die Zählung wieder von vorne beginnt. Jede*r Zuschauer*in möge sich die Frau mit der entsprechenden Nummer merken. Nach kurzer Zeit erhält Sefa Küskü den Befehl von Moderatorin Yulia Yáñez Schmidt, mit dem Zählen aufzuhören. Küskü ändert das Konzept: „Man möge sich wenigstens einen dieser Namen merken“, schallt es durch die Ränge des U17 Theaters des Staatstheaters Mainz.

Eine Schauspielerin sitzt an einem Holztisch mit Laptop und gestikuliert vor großformatigen Projektionen: links das Porträt der indigenen Aktivistin Tránsito Amaguaña, rechts ihr Name und Steckbrief.
Yulia Yáñez Schmidt als Host von „33 Frauen“ – eine Late Night Show als Hommage

33 Frauen wurde von Manuel Moser und Sibel Polat entwickelt. Als eine Late-Night-Show aufgebaut thematisiert das Stück die Unterdrückung von Frauen durch das Patriarchat. Die Rolle der Moderatorin übernimmt Schauspielerin Yulia Yáñez Schmidt und ersetzt damit Kübra Sekin, die krankheitsbedingt ausfiel. Bevor die eigentliche Show losgeht, stellt sich Yulia Yáñez Schmidt zunächst selbst vor und erläutert, dass die Begriffe „Mann“ und „Frau“ im Kontext der Aufführung rein politisch zu interpretieren sind. Daraufhin werden die Zuschauer*innen mit dem Thema des Abends vertraut gemacht: Unterdrückung von Frauen. Die 33 namensgebenden Frauen werden steckbriefartig vorgestellt und kontextualisiert. Sie haben zwar Großes geleistet, dennoch wurden sie durch patriarchale Strukturen unterdrückt und für ihre Leistungen nicht gewürdigt. Wie bei einer Late-Night-Show üblich, schweift auch bei „33 Frauen“ die Moderation oft von der eigentlichen Aufzählung ab und bringt persönliche Erfahrungen und Anekdoten mit ein. So thematisiert die Inszenierung nicht nur die Unterdrückung der Frauen, sondern auch Rassismus, sexualisierte Gewalt, Homophobie und Transfeindlichkeit.

Die Bühne schmückt ein Holztisch, der von einer gemütlich aussehenden Couch komplementiert wird. In der Mitte sind drei große Leinwände aufgestellt, auf denen die Porträts der Frauen erscheinen. Ein kleiner Fernseher neben dem Schreibtisch vervollständigt den Look eines authentisch erscheinenden Fernsehstudios.

In einladender Atmosphäre werden die Zuschauer*innen regelmäßig dazu aufgefordert, mitzumachen, und bekommen Aufgaben wie das Merken und Hineinrufen von Namen. Diese Interaktivität lädt nicht nur dazu ein, der Inszenierung engagiert zu folgen, sondern fungiert auch als Mittel, das Besprochene zu verinnerlichen.

Dabei brilliert die Inszenierung nicht nur durch das klug ausgewählte Konzept, sondern auch durch die hervorragende schauspielerische Leistung der kurzfristig eingesprungenen Schauspielerin Yulia Yáñez Schmidt als Moderatorin. Ihre Performance und ihre Glaubwürdigkeit sind in jeder Facette ihres Spiels zu spüren. Auch Sefa Küskü performt als Co-Host außerordentlich, sodass ein glänzendes Moderationsduo entsteht.

Die Chemie zwischen der weiblich gelesenen Moderatorin und dem männlich gelesenen Co-Host bringt eine interessante Dynamik in die Inszenierung mit ein. Die gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrollen werden zwischen beiden getauscht. So wird Küskü regelmäßig von Yáñez Schmidt herumkommandiert und gegaslightet. Besonders zu spüren bekommt man dieses Verhältnis beim Mansplaining. Immer wieder bringt sie ihn dazu, etwas Riskantes zu machen, wie sich auszuziehen oder sich auf ihren Tisch zu legen, schüchtert ihn ein und setzt ihn unter Druck, nur, um im letzten Moment ihn davon abzuhalten.Sie ist die moralisch überlegene, er der Sidekik.

Eine Moderatorin beugt sich über einen liegenden Mann auf dem Schreibtisch, während ein weiterer Mann danebensteht. Im Hintergrund zeigt ein Monitor die Zahl 33 und stilisierte Lippen.
Yáñez Schmidt und Küskü als gut funktionierendes Duo. Foto: Holger Rudolph

Wichtigster Teil des Abends bleiben aber die 33 Frauen. Ihre Biografien verdeutlichen, wie das patriarchale System bewusst Frauen und andere marginalisierte Menschen unterdrückt und abwertet. Ihre Geschichten vergegenwärtigen die Brutalität und Ignoranz von Männern und einem ganzen System. Gleichzeitig scheinen eben jene 33 Frauen aber nur eine symbolische Rolle einzunehmen. Denn die Inszenierung widmet sich allen Frauen und Menschen, die trotz dauerhafter, brutaler Unterdrückung Großartiges leisten, und allen, die in patriarchalen Strukturen gefangen sind. Der Abend endet mit der Aufforderung „Kämpft für alle, die weniger privilegiert sind als ihr“, da das Patriarchat so lange Bestand haben wird, solange wir nicht gemeinsam dagegen kämpfen.