Unsere Festivalmomente 2026

Janna Kadur: Mein schönster Festivalmoment war der Eröffnungsabend mit der Inszenierung It’s a Motherf**king Pleasure. Besonders begeistert hat mich die komödiantische und tiefgehende Auseinandersetzung mit den alltäglichen Herausforderungen von Menschen mit Behinderung und der „Able Anxiety“ im Umgang mit diesen. Die Darstellung habe ich als sehr treffend empfunden. Generell bin ich dafür dankbar, dass die unterschiedlichen Inszenierungen neue Perspektiven eröffnet haben, die mich zum weiteren Reflektieren angeregt haben.

Karlheinz Schuster: Mein schönster Festivalmoment war in der Performance Una brillant imperfecció (o mort d’un pianista) der titelgebende „Tod des Pianisten“. Der „Pianist“, im Frack am linken Bühnenrand sitzend und nur pantomimisch musizierend, geht mit seinem unablässigen „Geklimpere“ (allerdings auf hohem Niveau) den anderen sieben Performer*innen der katalanischen Gruppe Cia. Vero Cendoya dermaßen auf die Nerven, dass jetzt nur noch ein Mord weiterhelfen kann. Aber was heißt hier ein Mord? Schließlich will beim Morden jede*r mal drankommen. Und so folgt auf jeden Mord die sofortige Wiederauferstehung des Pianisten, umgehend gefolgt vom nächsten Mord. Und weil das so herrlich makaber ist, gibt es gleich noch eine zweite und eine dritte Runde. Keine Art der Tötung kommt zweimal vor, jede wird pantomimisch, aber prägnant in Szene gesetzt. Schwarzer Humor in Bestform.

Auf einer von weißen Stoffbahnen gerahmten Bühne steht eine Frau mit zerzausten Haaren hinter einem sitzenden Mann im schwarzen Anzug und hebt einen schwarzen Absatzschuh über seinen Kopf. Der Mann hält schützend eine Hand an seinen Kopf; zerplatze Luftballons liegen verstreut auf dem Boden.
Auf wieviele Arten kann man einen Pianisten töten? „Una brillant imperfecció“. Foto: Holger Rudolph

Amelie Sievert: Mein schönster Festivalmoment kam vollkommen zufällig zustande, als ich etwas verfrüht zu einer abendlichen Aufführung am Staatstheater eintraf und dadurch mitten in eine öffentliche Performance von Enter the Robots geriet. Ich hatte ursprünglich nicht geplant, mir diese anzusehen, bin aber aufgrund von Interesse und Faszination an der außerirdischen Inszenierung geblieben. Eigentlich stand ich nur am Rand, um zu beobachten, wie die Schauspieler*innen wie Maschinen durch die Gegend liefen, auf Knopfdruck auf ihren Schultern von Zuschauenden reagierten und Passant*innen imitierten, was zu viel Belustigung führte. Was ich währenddessen kaum bemerkte, war, dass sich eine Schauspielerin vor mich gestellt hatte, mich unverwandt anstarrte und meine Gestik und Kaugummikauen nachmachte. Erst dadurch, dass sich andere Zuschauer*innen lachend zu mir umdrehten, bemerkte ich meine Doppelgängerin und hatte noch ein paar unterhaltsame Momente, in denen ich mit meinem Spiegelbild interagieren konnte.

Zoe Gauger: Ich hatte einen sehr unterhaltsamen Moment kurz vor der Aufführung Der Tod vom Berliner Theater Thikwa. Ich wollte zur Toilette und die Treppe dahin ist direkt neben dem Saaleingang. Der Einlass lief bereits und neben der Türe stand ein als Tod verkleideter Mann mit weiß geschminktem Gesicht, einem schwarzen Mantel mit Kapuze und einer alten, rostigen Sense in der Hand. Er sprach die anderen Zuschauer*innen an und lud sie ein, dem Tod zu folgen. Ich musste an ihm vorbeigehen, um die Treppe zu erreichen. Darauf sprach er mich an und meinte, dass das aber nicht der Weg zum Tod sei. Ich musste lachen und versuchte mich zu erklären. Aber er antwortete, dass ich dem Tod nicht aus dem Weg gehen könne und zu ihm zurückkehren müsse. Diese kleine Interaktion hat mir so gut gefallen, weil sie mir direkt die Stimmung und Atmosphäre der Aufführung vermittelt hat.

Jana Kühl: Für meinen schönsten Festivalmoment hat Laura Murphy mit ihrer Performance A spectacle of herself gesorgt. Die perfekte Mischung aus Humor, Selbstironie und Tiefe entfachte bei mir ein Wechselbad der Gefühle. Besonders gelacht habe ich allerdings, als sie mit einem Karton auf dem Kopf „I will Always love you“ von Whitney Houston performte. Dabei schlug sie mit ihrem Kopf unentwegt gegen das Mikrofon vor sich ein, das dann auch noch herunterfiel. So endete Laura Murphy selbst auf dem Boden, immer weiter gegen das Mikrofon schlagend.

Fabiana Renker: Mein schönster Festivalmoment war die szenische Lesung von What’s the F**king Point?. Ohne das „Grenzenlos Kultur“- Festival wäre ich wahrscheinlich nie mit der britischen Theatergruppe FlawBored in Kontakt gekommen und genau das macht diesen Abend für mich so besonders. Die Art und Weise, wie FlawBored mit schwierigen gesellschaftlichen, aber auch sehr persönlichen Themen umgeht, hat mich tief beeindruckt. Obwohl What’s the F**king Point? eine schwere und teilweise deprimierende Thematik behandelt, war der Abend selbst alles andere als bedrückend. Im Gegenteil: Die Lesung war voller Witz und vor allem ganz viel Gelächter. Am liebsten würde ich direkt nach London fliegen, um What’s the F**king Point? dort als vollständige Bühneninszenierung zu sehen. Seit diesem Abend bin ich definitiv großer Fan von FlawBored und werde die Augen nach ihren nächsten Projekten offenhalten.

Benjamin Law: Zu meinen schönsten Festivalmomenten gehörten die Interviewtreffen sowie die persönlichen Begegnungen vor und nach den Aufführungen. Inklusion bedeutet schließlich Austausch in alle Richtungen – mit allen Beteiligten Zwei Wochen lang durfte ich Teil einer Welt sein, die mir im Alltag sonst leider selten begegnet. Besonders berührend war es, nach der Eigenregie-Aufführung all die vertrauten Gesichter aus den Interviews wiederzusehen, wiedererkannt zu werden und direkt in vertiefende Gespräche einzutauchen.

Paulina Stauch: Mir hat es besonders der vorletzte Abend des Festivals angetan: Nach einer unterhaltsamen und farbenfrohen Aufführung von Leichter Gesang folgte 33 Frauen. Ein vollkommen gelungener Theaterabend, an dessen Ende alle Zuschauerinnen daran erinnert wurden, dass sie schön und wertvoll sind.

Luana Dale: Die gesamte Zeit des Festivals war für mich eine Häufung schöner Momente. Bei It’s a Motherf**king Pleasure wird mir der provokante Humor in Erinnerung bleiben, genauso wie die pointierte und persönliche Performance von Laura Murphy in A spectacle of herself – nur zwei der vielen Aufführungen, die das Festival für mich besonders gemacht haben. Am vorletzten Festivaltag durfte ich außerdem ein Interview mit drei Schauspieler*innen aus Leichter Gesang führen. Am Abend saß ich dann bei der Vorstellung in der ersten Reihe. Während der Abschlussszene erkannte mich eine der Schauspieler*innen wieder und schenkte mir nach ihrer Lieblingsszene ein kokettes Lächeln und einen kurzen Wink. Ein kleiner, unerwarteter und schöner Moment.

Eine Performerin liegt bäuchlings auf einer dunklen Bühne. Über ihrem Kopf trägt sie einen auf dem Kopf stehenden Helium-Ballontank; neben ihrer ausgestreckten Hand liegen ein Mikrofonständer und Kabel. Warmes, rötliches Licht und Nebel beleuchten die Szene.
Zwischen Komik und Kritik: „A spectacle of herself“ beim NO LIMITS-Festival 2024, Foto: Michael Bause

Juliane Blickmann: Das Festival hatte sehr viele schöne Momente. Besonders ist mir aber die Aufführung A spectacle of herself von Laura Murphy in Erinnerung geblieben. Es war herrlich amüsant, wie sie ihre Gedanken, die manche vielleicht für sich behalten hätten, einfach aussprach und mit purer Ehrlichkeit vor dem Publikum stand und erzählte, was in ihrem Kopf sonst noch vorgeht. Ihre sportliche Leistung am Vertikalseil lieferte einen guten Ausgleich zu ihren kurzen Ansagen und war sehr beeindruckend zu beobachten. Darüber hinaus war das Festival eine sehr schöne Chance, einen Eindruck von anderen Lebensrealitäten und Denkweisen zu bekommen und eine Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.

Sam Heimann: Mein Lieblingsmoment des Festivals ereignete sich während der Vorstellung von Una brillant imperfecció. Am Ende des Tanztheaters haben die Tänzer*innen die Zuschauer*innen auf die Bühne gebeten. Es sollte getanzt werden. Nach einer Weile haben sich immer mehr und mehr Menschen auf der Bühne versammelt, um zu tanzen. Wir waren eine Gemeinschaft.

Marvin Rodriguez: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der erste Teil von Eigenregie. Das Theater Thikwa hat mit Der Tod gezeigt, wie man mit Humor und Sinn fürs Detail Tabus publikumswirksam auf die Bühne bringen kann. So werden Euphemismen wörtlich genommen, wenn ein Schauspieler an den Tod den Löffel abgibt, ein anderer ins Gras beißt oder die Radieschen von unten sieht. Der Tod wird dabei charmant als gesprächiger Geselle inszeniert, der sich durchaus auch vor einer anderen Version seiner selbst erschreckt, als der schleichende Tod plötzlich hinter ihm auftaucht. Ein Abend, der Spaß macht und dadurch zeigt, dass man Tabus am besten mit Humor in die Mitte der Gesellschaft bringen kann.

Links steht eine dunkel verhüllte Gestalt mit Sense; rechts bewegt sich eine Darstellerin in einem weißen Kleid zwischen Grabsteinen, Totenschädeln, Blumen und einem leuchtenden Grablicht. Im Hintergrund ist ein nächtlicher Friedhof auf einer Leinwand zu sehen.
Zwischen Schauer und Humor: „Der Tod“ in der Regie von Tobias Brunwinkel und Max Edgar Freitag. Foto: Holger Rudolph

Pauline Michel: Feige möchte ich der Qual der Wahl entfliehen: Mein Lieblingsmoment ist so lang wie das Festival selbst. Besonders gepackt hat mich aber Der Tod – wie darin eine Figur (Corinna Heidepriem) am Grabrand steht, während der Tod bei Anblick ihrer dünnen Silhouette anmerkt, sie sei nicht ausgehungert und dem Tode nahe. Es sei ihre astrale Form. In Interviews habe ich Personen getroffen, die spannende Arbeiten machen. Nicht weniger spannend war es, mit ihnen zu sprechen. Es war aber auch die gesamte Zeit dazwischen: mit Nathalie Eckstein in der Kantine zu co-worken und all die Kritiken lesen zu können.

Catharina Fuhr: Einen spezifischen Moment herauszusuchen, finde ich sehr schwer, aber ich denke, das Zitat „Humans being humans“ bringt es gut auf den Punkt. Vom gemeinsamen Brezelnessen vor der Aufführung über all die Utensilien – sei es ein Rückzugsort, ein Sitzsack, Ohrenstöpsel oder Knete, die den Zuschauer*innen zur Verfügung standen – bis hin zu einem Abend, an dem alle zusammen auf der Bühne standen. In dem Tanztheater Una brillant imperfecció wurden alle Zuschauer*innen aufgefordert, mit den Tänzer*innen zusammen auf der Bühne zu tanzen. Es war ein Gänsehautmoment, weil dort irgendwie alles egal war und gleichzeitig jede*r so sein konnte, wie er*sie sein mochte. Es war ein respektvolles, menschliches Miteinander.