Die Arbeit im Körper

Michael Turinsky sitzt in einem Blaumann neben einem Musikaufbau am Bühnenrand. Er trägt eine Latzhose. Alle Stühle aus der U17 sind an diesem Abend gesperrt, das Publikum steht, sitzt oder hockt verteilt um eine leere Fläche unter warmem orangefarbenem Licht.

In seiner Performance „Work Body“ setzt sich der österreichische Choreograf Michael Turinsky auf eindringliche Weise mit dem menschlichen Körper, seinen Möglichkeiten und Grenzen und seiner Rolle in Arbeitsverhältnissen auseinander. Choreografisch verschneidet er dabei den „Arbeiterkörper“ mit dem als behindert gelesenen Körper.

Eine Performerin in blauer Latzhose kniet auf einer orange beleuchteten Bühne vor einer senkrecht aufgestellten schwarzen Tischplatte und hält eine lange Metallstrebe. Im Hintergrund beobachtet ein im Raum verteiltes Publikum die Szene.
Körperliche Arbeit und Arbeit des Körpers: Michael Turinskys „Work Body“ mit Liv Schellander. Foto: Holger Rudolph

Der Titel „Work Body“ kann zweierlei bedeuten: Einerseits geht es um „körperliche Arbeit“ in Abgrenzung zur geistigen Arbeit. Auch die nicht behinderte Tänzerin Liv Schellander, die entgegen dem ursprünglichen Konzept einen Großteil der Darstellungsleistung übernimmt, trägt plakativ den inzwischen etwas aus der Mode gekommenen „Blaumann“. Schellander ist mit einem gleichfalls symbolhaften Hammer ausgerüstet, den sie zeitweise fast wie einen religiösen Fetisch – oder ein sexuelles Symbol – behandelt. Über diesen Aspekt des Arbeitertums im klassischen Sinn, den im Kommunismus wie im Faschismus sogenannten „Arbeiter der Faust“, wird eine Brücke geschlagen zum Gedicht Pier Paolo Pasolinis „Gramscis Asche“. Dieser schrieb es zu Ehren des Mitbegründers der kommunistischen Partei in Italien, Antonio Gramsci, für den sein Behindert-Sein nach eigener Aussage weniger wichtig war als sein Kommunist-Sein, wie Turinsky erklärt.

Der zweite Aspekt des „Work Body“ ist die Arbeit des Körpers, das Schuften und das Quälen des eigenen Körpers, unabhängig von politischen Implikationen. Schellander verbringt die erste Hälfte der 90-minütigen Performance damit, aus im Aufführungssaal verteilten, offenkundig schweren Tischen mithilfe eines Handhubwagens eine Bühne zu errichten, die sie am Schluss noch mit einer Stoffborte verziert. Die kurze nachfolgende Performance auf dieser Bühne steht in groteskem Gegensatz zum Aufwand ihrer Errichtung. Die pure Unzweckmäßigkeit dieses Handelns ist das genaue Gegenteil betriebswirtschaftlicher Rationalität. Die Erschöpfung ist Liv Schellander anzusehen. Ihre Tätigkeit ist schweißtreibend. Und sie bezieht das Publikum, das sich frei im Aufführungssaal verteilt hat, in das Geschehen ein. Es wird, wie Turinsky es im Nachgespräch nennt, „aufgescheucht“.

Nicht nur der Körper eines behinderten Menschen und dessen Bewegungen entsprechen nicht immer den gesellschaftlichen Erwartungen von Effizienz und Schnelligkeit. Schellanders Tätigkeit ist bis zum für das Publikum Unerträglichen verlangsamt. Diese Langsamkeit steht in offenkundigem Gegensatz zu den Erwartungen einer Leistungsgesellschaft. In einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Leistung und Produktivität einen hohen Stellenwert besitzen, erscheint der Körper häufig vor allem als funktionierendes Werkzeug. Der schnelllebige und auf Gewinnmaximierung ausgelegte Kapitalismus lässt keinen Platz für individuelle Körper – für den als „normal“ wahrgenommenen genauso wenig wie für den als behindert verstandenen. Wenn eine Umgebung oder ein bestimmtes Arbeitssystem nur auf bestimmte körperliche Fähigkeiten ausgerichtet ist, werden Körper mit individuellen Anforderungen automatisch ausgeschlossen.

Turinskys wie auch Schellanders Körper widersetzen sich dieser Logik. Sie zeigen, dass körperliche Grenzen existieren und diese nicht einfach überwunden werden müssen, um gesellschaftliche Anerkennung zu verdienen. Das Problem liegt im System, wie wir arbeiten und welche Anforderungen Arbeit an Körper stellt. Oder, wie Turinsky in einem mit Autotune gepitchten Song singt: „You give your time / You give your spine“.

Eine Performerin in blauer Latzhose und Schutzbrille bearbeitet mit einem Elektromeißel einen weißen Steinquader, aus dem rote und weiße Blumen hervortreten. Im Hintergrund sitzt Michael Turinsky in einer blauen Latzhose im Rollstuhl und beobachtet die Szene.
„They take your time / They take your spine“ – gemeinsame Solidarität und Selbstermächtigung in Turinskys „Work Body“. Foto: Holger Rudolph

Die Performance erkennt unterschiedliche Körper und unterschiedliche Formen von Bewegung als gleichberechtigte Realität an. Gerade diese Engführung von Körpern macht die Performance wirkungsvoll: Sie zwingt dazu, genauer hinzusehen und gewohnte Vorstellungen von Körperlichkeit zu hinterfragen.

Am Ende wird die Schufterei übrigens belohnt: Ein weißer Steinquader wird von Schellander mit einem Elektromeißel geöffnet – und heraus kommt ein freigelegter Bund roter Blumen, die an Nelken erinnern – wie ein Grab.