„Exploding is the nature of things“

Ohrenbetäubendes Schreien. Die Hintergrundmusik wird lauter. Auch die zunächst kleinen Übertitel werden immer größer, bis sie die gesamte semitransparente Gaze-Leinwand einnehmen und dahinter Laura Murphy kaum noch sichtbar ist. Aufgewühlt erzählt sie, dass sie sich durch Schreien oder Schlagen von negativen Emotionen befreit. In rasanter Geschwindigkeit und durch die laute Musik kaum noch verständlich zählt die Darstellerin Gefühle wie „Wut“ – „Trauer“ – „Scham“ auf, die Gänsehaut bereiten.

Eine Artistin in weißen Trainingsanzug hängt kopfüber an einem senkrecht von der Decke herabhängenden Seil. Ein starkes Gegenlicht zeichnet ihre Silhouette vor dunklem Bühnenhintergrund und aufsteigendem Nebel.
Schwerelos im Weltall: Laura Murphy in „A spectacle of herself“ beim NO LIMITS-Festival in Berlin 2024, Foto: Michael Bause

Die Inszenierung A spectacle of herself von und mit Laura Murphy in der Regie von Ursula Martinez ist eine Kombination aus Neuem Zirkus und Stand-up-Comedy. Der Titel der Inszenierung kommt von der Redewendung „make a spectacle of yourself“, was bedeutet, sich lächerlich zu machen oder unangenehm aufzufallen. Durch lustige Sketche, oft mit Musik und provokante, erotische Seilarbeit versucht die Künstlerin genau dieses Ergebnis zu erreichen.

Es beginnt mit einem Clown, der auf die Leinwand projiziert, ebenfalls durch Laura Murphy verkörpert wird. Die orangefarbenen Haare, der übergroße rote lächelnde Mund und die blau geschminkten Augen verhelfen zu einer ausdrucksstarken Mimik. Der Clown ist begleitender Erzähler, taucht zwischen den verschiedenen Szenen auf der großflächigen Gaze auf und weckt mit den zum Einsatz kommenden Ballons und dem von der Decke hängenden Seil im Hintergrund einen Zirkusflair.

Die Bühne hinter jener Gaze ist lediglich durch einen Scheinwerfer am Boden beleuchtet und von Nebel bedeckt. In der Mitte das Seil. Wie ein Astronaut schwebt die Performerin an diesem und scheint, akustisch durch Funkgerätgeräusche untermalt, schwerelos im Weltraum unterwegs zu sein. Laura Murphy findet innerhalb der Aufführung immer wieder zum Weltraum – „space“ – zurück: Sie vergleicht die Schwerelosigkeit eines Fötus mit der des Weltraums, berichtet von Raketenstarts und erklärt, dass alles nur aus vibrierenden Atomen besteht: „It’s the space around things that makes us able to see them.“

In poetischen und philosophischen Monologen kritisiert Laura Murphy, wie die Menschheit beginnt den Weltraum zu kolonisieren und selbstfahrende Autos zu bauen, während marginalisierte Gruppen, wie Frauen, Menschen mit Behinderungen, queere Menschen oder People of Color (PoC) immer noch um gleiche Rechte kämpfen. Dabei werden Bekanntheiten wie Elon Musk, J.K. Rowling und sogar Nietzsche nicht verschont und das konservative binäre Geschlechterbild wird infrage gestellt: Laura Murphy tritt stereotypisch wie der begehrenswerte Mann aus dem britischen Cola-Light-Werbespot der 90er-Jahre, oberkörperfrei auf die Bühne. Sie wolle den durchtrainierten Fensterputzer nicht anhimmeln, wie die anderen Frauen im Werbespot, sie wolle er sein.

Eine Performerin liegt bäuchlings auf einer dunklen Bühne. Über ihrem Kopf trägt sie einen auf dem Kopf stehenden Helium-Ballontank; neben ihrer ausgestreckten Hand liegen ein Mikrofonständer und Kabel. Warmes, rötliches Licht und Nebel beleuchten die Szene.
Zwischen Komik und Kritik:
„A spectacle of herself“
beim NO LIMITS-Festival 2024, Foto: Michael Bause

Besonders Elon Musks Arroganz und Ego werden mehrmals parodiert: Laura steht auf einem Hoverboard, pumpt einen Luftballon auf, die Luftpumpe eingeklemmt zwischen ihren Beinen, und lipsyncht eine Tonaufnahme von Musk. Schnell erkennt man, dass der längliche Ballon einem Penis ähneln soll und ihre Pumpbewegung einer onanierenden Hand. Laura zieht lustige Fratzen, während Musk über die Schubkraft und Größe seiner gebauten Rakete spricht. Der Luftballon wächst wie das Ego von Musk weiter ins Unendliche. In den Übertitel hüpft das Wort „Schubkraft“ jedes Mal, wenn es gesprochen wird, während der Text sich auf der Leinwand ausdehnt wie der Ballon selbst.

Zwischen Komik und Kritik, bietet die Inszenierung auch persönliche Beobachtungen: Laura Murphy habe in ihrem autistischen Alltag oft das Gefühl zu explodieren. Dabei gibt ihr das Universum die Sicherheit, kein Misfit zu sein, da es jede Sekunde explodiert.

Der Abend ist persönlich, wenn Laura Murphy von ihrer Queerness, ihrem Sex, ihrem Körper und ihren Gefühlen spricht. Und der Abend ist politisch in der queerfeministischen Kritik, ohne jemals dogmatisch zu werden.

Mit dem Satz „Exploding is the nature of things“ normalisiert sie das Ausleben von komplexen und widersprüchlichen Gefühlen und stellt es in einen größeren Zusammenhang. Ihre Forderung stellt sie selbst unter Beweis, indem sie ihre Emotionen und rasenden Gedanken freien Lauf und uns an ihren Erfahrungen teilhaben lässt. Eine Frage bleibt: Ist das für uns alle angesichts Elon Musks Ego, der Ausbeutung der Planeten und der Unterdrückung durch das Patriarchat in größeren Dimensionen realisierbar?