Das Medikament in der Wurst

Michael Turinsky ist Choreograf, Performance-Künstler und Theoretiker zugleich. Im Rahmen von „Grenzenlos Kultur“ zeigt er seine Arbeit Work Body – eine laut hämmernde wie sinnliche Auseinandersetzung mit körperlicher Arbeit und einer Arbeiter*innenschaft, die in weiten Teilen nach rechts gerutscht ist. Im Interview spricht er von Solidarität als Suche nach Ähnlichkeit, Antonio Gramsci und Strategien, dem Publikum das richtige Futter zuzuführen.

In Work Body bringst du zwei verschiedene Körperlichkeiten zusammen: den arbeitenden Körper und den als behindert markierten Körper. Was hat dich daran interessiert?

Michael Turinsky: Es kam das aus einer Überlegung heraus, dass ich keine Lust mehr auf eine identitätspolitische Ästhetik hatte, in der es darum geht, dass jede*r die offensichtlichsten Aspekte seiner Identität auf den Tisch legt und das dann abfeiert: Du bist queer, du machst ein queeres Stück, du bist behindert, du machst ein Disability Stück. Diese Einengung auf die offensichtlichsten Identitätsaspekte hat mich gestört und ich finde sie auch politisch problematisch. Seine eigene Differenz abfeiern – so kommen wir nicht weiter, so erreichen wir nichts.

Eigentlich hat es mich aber aus einer anderen politischen Perspektive heraus interessiert. Große Teile der Arbeiter*innenbewegung sind nach rechts gerückt. Gleichzeitig ist körperliche Arbeit kaum im politischen Diskurs repräsentiert. Zu Beginn der Arbeit habe ich mich gefragt: Was ist das Verhältnis der Erfahrung im arbeitenden und der Erfahrung im behinderten Körper?

Welche Anknüpfungspunkte ergaben sich daraus?

Michael Turinsky: Anschlussstellen bilden die Themen Schmerz oder Verschleiß und der Wunsch nach Selbstbestimmung und Autonomie. Für uns behinderte Menschen ist Selbstbestimmung eine ganz wichtige Sache, genau wie Autonomie in der Arbeiter*innenbewegung. Historisch ging es immer wieder darum, Dinge selbst in die Hand zu nehmen und Entscheidungen über den Produktionsprozess treffen zu können.

Michael Turinsky sitzt am Tisch. Vor ihm steht ein Mikro, Wasser und ein Weinglas. Eine beschriftete Leinwand ist im Hintergrund und im Vordergrund der Umriss seiner Gesprächspartnerin, Elisabeth Schelhas, zu erkennen.
Michael Turinsky bei auf ein Getränk mit … in der Kakadu Bar. Foto: Holger Rudolph

Welche Rolle spielt dabei Zeit?

Michael Turinsky: Mit meiner Behinderung bringe ich eine andere Zeitlichkeit. Insofern, dass manche Dinge länger dauern. Und Zeit spielt tatsächlich auch historisch in Arbeiter*innen-Kämpfen eine große Rolle. Damals, als die Dampfmaschine und die durch die Dampfmaschine angetriebenen Maschinen aufgekommen sind, hat das zu einer unglaublichen Beschleunigung des Arbeitsprozesses geführt. Das hatte dann viele Arbeitsunfälle zur Folge. In England haben die Ludditen (dt. Maschinenstürmer) in Protesten begonnen, mit einem riesigen Hammer auf diese Maschinen einzuschlagen, um sich von diesem Geschwindigkeitsjoch zu befreien. Ehrlicherweise war das auch eine wichtige Inspiration – dieses Niederhämmern einer Maschine, die für Beschleunigung steht und deren Beschleunigung dem Körper schadet und Unfälle und Verletzungen verursacht.

Was war dein Interesse, gerade nach den Gemeinsamkeiten zu suchen?

Michael Turinsky: Zu Beginn der Arbeiter*innenbewegung hatten alle Arbeiter*innen einen ähnlichen Erfahrungshorizont. Dieselben Vereine, dieselben Kneipen, dieselbe Fabrik. Die Peergroup war viel homogener. Ich wollte eine Sehnsucht in den Menschen aufgreifen, an die auch die Rechten anknüpfen: der Wunsch, mit Leuten zu tun zu haben, die einem ähnlich sind. Angesichts einer komplett fragmentierten Arbeiter*innenschaft heutzutage besteht offenbar die Notwendigkeit, Resonanzen herzustellen und diese Ähnlichkeit neu zu erfinden. Mich hat interessiert: Was haben ein Industriearbeiter und ich gemeinsam und wofür können wir zusammen eintreten?

Was hat die Suche nach Ähnlichkeit mit Solidarität zu tun?

Michael Turinsky: Häufig bauen Begriffe von Solidarität auch auf dem Grundsatz, dass wir alle unterschiedlich und darüber hinaus voneinander abhängig sind. Dem wollte ich eine andere Konzeption entgegensetzen: eine Vorstellung von Solidarität, die auf der Erfahrung von Ähnlichkeit und dem geteilten Wunsch nach Autonomie und gerade nicht nach Abhängigkeit beruht.

Wie knüpfst du an diesen Wunsch an?

Michael Turinsky: Meine Idee war zu sagen: Wir haben dieses Bedürfnis nach Autonomie und gleicher Wellenlänge. Wir haben dieses Bedürfnis, uns nicht durch zu viel Differenz aus der eigenen Lebensweise herauszubegeben. Gleichzeitig will ich das Phänomen aber eben nicht kulturalistisch, religiös oder ethnisch definieren, sondern postnationalistisch denken. Ich kann mit Leuten auf einer Wellenlänge sein, die ganz anderer kultureller Herkunft sind!

Du beziehst dich dabei auch auf Gramsci. Wieso Gramsci?

Michael Turinsky: Gramsci entwickelt den Begriff des „buon sensus”“ – ich nenne es oft authentischen Kern. Meine Frage war, was gibt es auch im rechten Diskurs an echten, nachvollziehbaren Bedürfnissen? An welchen „guten Sinn“ knüpft der rechte Diskurs an? Und Gramscis Gedanke ist, dass, wenn es um kulturelle Veränderung und kulturelle Hegemonie von linker Seite geht, dass man an diesen “buon sensus” anknüpfen muss und dialogisch, was Neues um diesen authentischen Kern herum aufbauen muss.

Liv Schellander kniet auf dem Boden. Sie trägt eine blaue Latzhose. Mit der einen Hand hält sie ein Mikrofon, die andere hat sie als Faust in die Luft gestreckt.
Liv Schellander auf der selbst erbauten Bühne und in der Rolle Michael Turinskys. Foto: Holger Rudolph

In Work Body arbeitest du auch mit einer großen Sinnlichkeit und Erotik. Wie steht das in Verbindung mit Gramsci und deinen Gedanken zum „arbeitenden Körper“?

Michael Turinsky: Im rechten Diskurs klingen unterschwellig erotische Wellen durch. Allein schon, weil darin so wahnsinnig viele frustrierte Männer sind. Es war mir wichtig, auch an diese libidinösen sexuellen Longings auch als authentischen Kern und als weiteren Aspekt des „buon sensus“ anzuknüpfen.

Es war das erste Mal, dass Liv Schellander einen großen Teil der Performance übernommen hat. Was hat das verändert?

Michael Turinsky: Ich fand das sehr spannend: Einerseits hat es diesen narzisstischen Bezug auf etwas Ähnliches, weil ich mich ja wieder gespiegelt sehe in ihr. Es hat eine Komponente des sich selber geil Findens, im Anderen. Andererseits liegt aber auch eine Brechung drin. Sie verkörpert mich und auch eine Maskulinität. Sie trägt den phallischen Hammer mit sich, ist aber doch eine Frau. Es ist Ähnlichkeit gepackt in Unähnlichkeit. Gerade dieses Spiel mit Ähnlichkeit und Differenz mit all seinen sinnlichen Untertönen ist für mich interessant.

Es war damit auch das erste Mal, dass du das Stück vor Publikum ein bisschen mehr von außen sehen konntest. Wie war das?

Michael Turinsky: Es war ungewohnt und hat sich fast wie eine Premiere angefühlt, sodass ich nervös war. Dabei war es spannend, von außen beobachten zu können, wie sich das Publikum bewegt.

Wo wir von Publikum sprechen: Ich habe den Eindruck, dass es vom Publikum aus eine implizite Erwartung an Künstler*innen mit Behinderungen gibt, auf der Bühne ihre Behinderung offenlegen zu müssen. Was ist deine Perspektive darauf?

Michael Turinsky: Du musst deine Behinderung immer auf den Tisch legen – wie so einen Brocken, den man dem Publikum zum Essen hinwirft. Die Frage ist, wie man das navigiert. Das hat mich auch an der Besetzung mit Liv interessiert – als ein subtiles, „fuck you“. Ich gebe euch jetzt nicht, was ihr erwartet. Ihr erwartet den Behinderten auf der Bühne, aber dann ist da eine nicht-behinderte Frau, hoppala.

Welche anderen Strategien hast du gefunden, auf die Erwartung vom Publikum zu reagieren?

Michael Turinsky: Zum Beispiel, indem ich sage Gramsci hatte auch eine körperliche Behinderung, was ja stimmt. Damit flechte ich die Erfüllung dieser Erwartung ein. Das Gramsci eine Behinderung hatte, hat mich am wenigsten interessiert. Aber so kann man dem Publikum dieses Futter geben, und dafür aber etwas anderes reinpacken. Ich denke gerade an einen Hund, dem man ein Medikament in eine Wurst einpacken muss. So kommt mir das manchmal vor: dass man dem Publikum etwas in einer Identitätskategorie verpacken muss, aber damit auch etwas anderes zuführen kann.