Der Tod ist in eurem Format Hausgemacht entstanden. Was macht Hausgemacht besonders, wie ist es entstanden?
Laura Besch: Das Besondere an Hausgemacht ist das Prinzip des Disabled Lead: Die künstlerischen Letztentscheidungen liegen konsequent bei den Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung. Die Idee entstand aus Wünschen des Ensembles. Wir haben daraufhin eine klare Struktur geschaffen: Alle ein bis zwei Jahre gibt es einen Zyklus aus Konzeptions-Workshops, Antragsphase, Juryentscheidung und der sechs Monate später folgenden Umsetzung. Ausgewählt werden zwei Konzepte für einen Doppelabend – ca. 30 Minuten pro Stück – auf unserer Hauptbühne.
Wie funktioniert die Begleitung der Regieführenden?
Laura Besch: Um Anfängerinnen und Anfänger in der Regie nicht allein zu lassen, stellen wir ihnen erfahrene Dramaturg*innen als Mentor*innen zur Seite (wie Ellen Uhrhan oder Lizzy Timmers). Dieser Austausch auf Augenhöhe erzeugt produktive Reibung und war für alle Beteiligten ein enorm bereichernder Lernprozess.
Wie entscheidet ihr bei Theater Thikwa über die Produktionen, die entstehen?
Laura Besch: Das berührt direkt die zentrale Frage der kuratorischen Mitbestimmung im Ensemble. Bei uns gibt es im Jahr bis zu sieben Premieren. Wir haben uns bewusst entschieden, viel mit freien Performancekollektiven zusammenzuarbeiten. Für mich hat das inhaltliche und künstlerische Gründe: Mich fasziniert die Arbeitsweise von Kollektiven oft mehr als die klassische Einzel- oder Doppelregie am Stadttheater. Kollektive fragen im Prozess dynamisch: Wie wollen wir arbeiten? Welche Themen interessieren euch?

Und wie stehen im Theater Thikwa die Chancen für mehr Eigenregieprojekte?
Laura Besch: Es wäre natürlich ein denkbares Konzept, zu sagen: Wir machen ausschließlich Eigenregieprojekte. Das ist aktuell nicht unser Profil, aber das Interesse im Ensemble an Eigenregie ist riesig.
Wie entscheidet ihr fair, wer ein Eigenregieprojekt umsetzen darf?
Laura Besch: Um allen Interessierten eine faire Chance zu geben und die Entscheidungen transparent zu halten, lassen wir die Konzepte von einer externen, kompetenten Jury auswählen.
Wir legen großen Wert auf eine Mixed-abled-Jury, in der behinderte Perspektiven vertreten sind. In der letzten Runde waren das Georg Kasch (u. a. Jury Fonds Darstellende Künste), Linda Fisahn (Kollektiv I can be your translator/Theater Dortmund) und Marielle Schavan (Henrike Iglesias). Sie haben die Stücke Der Tod und Nicht uncool ausgewählt.
In der aktuellen Runde besteht die Jury aus der Regisseurin Rosa Rieck, der Performerin Rieke Jaglitz sowie Ksenia Ravvina (Künstlerische Leitung des Fringify Festival Hamburg). Die Konzepte sind eingereicht, und die Entscheidungen fallen im Oktober.
Welche Rolle spielen öffentliche Förderungen und Drittmittel für die Finanzierung von Thikwa?
Laura Besch: Die Basis bildet die Konzeptförderung des Berliner Kultursenats, wir alle vier Jahre neu beantragen. Damit sichern wir die Gehälter des festen Orga-Teams. Um aber die freien Künstlerinnen und Künstler fair zu bezahlen, müssen wir für Produktionen Drittmittel beantragen. Die Vergabe dieser Mittel ist extrem kompetitiv, die Förderquoten liegen oft unter zehn Prozent.
Wie sieht es im Hinblick auf Zusatzkosten für Barrierefreiheit aus?
Laura Besch: Das Thema Barrierefreiheit ist in Deutschland leider oft eine Budgetfrage: Es gibt kaum zweckgebundene Töpfe dafür. Wenn wir Übertitel, Audiodeskription oder Übersetzungen in Leichte Sprache anbieten – was wir teils im Haus mit eigener Prüfgruppe umsetzen –, geht das fast immer direkt vom künstlerischen Produktionsbudget ab. Man muss dann Honorare kürzen oder das Projektvolumen verringern. In anderen Ländern gibt es dafür eigene, zweckgebundene Mittel. Das würde ich mir für Deutschland auch wünschen.
Entsteht dadurch ein Wettbewerbsnachteil gegenüber Produktionen, die keine Mittel für Barrierefreiheit aufwenden müssen?
Laura Besch: Vollkommen. Solange es der individuellen Entscheidung der Antragstellenden überlassen bleibt, ob sie Barrierefreiheit einplanen, und es keine klaren gesetzlichen Vorgaben gibt, bleibt das Thema schwammig. Kulturpolitisch fehlt in Deutschland stellenweise noch immer das grundlegende Verständnis für echte Teilhabe.
Wie gebt ihr den freien Mitarbeitenden Sicherheit?
Laura Besch: Echte Sicherheit gibt es in der freien Szene kaum. Durch unsere Vier-Jahres-Konzeptförderung können wir zumindest mittelfristig planen und Verlässlichkeit bieten. Wenn jedoch ein Projektantrag abgelehnt wird, fällt die Produktion flach.
Welche Fördermittel fehlen euch?
Laura Besch: Es fehlt in der Förderung vor allem an Mitteln für Barrierefreiheit und für Wiederaufnahmen, um Stücke nachhaltig im Repertoire zu halten.
Neben dem Finanziellen, wo siehst du weitere Barrieren in Hinblick auf professionelle Theaterarbeit von Menschen mit Behinderung?
Laura Besch: Ein weiterer Knackpunkt ist die Ausbildung: Das Theater Thikwa bietet als einer der wenigen Orte eine Vollzeit-Künstlerausbildung für Menschen mit Behinderung an – allerdings im Rahmen einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) und ohne staatliche Zertifizierung. Unsere Performerinnen und Performer sind universelle Talente, aber unsere Ausbildung ersetzt kein mehrjähriges Regiestudium an einer Hochschule. Die Kunsthochschulen müssen ihre Zugänge für Menschen mit Behinderung viel stärker öffnen, damit mehr behinderte Künstlerinnen und Künstler in regieführende und entscheidende Positionen gelangen.
Allen Schwierigkeiten zum Trotz: Was können andere Häuser vom Thikwa lernen?
Laura Besch: Baulich fängt es schon beim barrierefreien Backstage-Bereich und Bühneneingang an – das ist an vielen großen Staatstheatern bis heute keine Selbstverständlichkeit. Inhaltlich geht es um Arbeitsstrukturen: In Kooperationsprogrammen mit nicht-inklusiven Häusern ging es viel um Crip Time und die Frage, wie Proben so gestaltet werden können, dass sie für alle funktionieren (z. B. der Verzicht auf geteilte Proben). Solche Veränderungsprozesse brauchen Zeit, Kommunikation und Kontinuität.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Laura Besch: Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sich auch große, sogenannte „nicht-inklusive“ Festivals mutiger für inklusive Produktionen öffnen und Berührungsängste oder vermeintlich komplizierte Voraussetzungen abbauen. Persönlich bin ich ein riesiger Fan unseres Stücks Der Tod: Ich liebe diese Balance aus Absurdität, feinem Humor und tiefer emotionaler Berührtheit. Genau diese Gleichzeitigkeit von Gefühlen macht für mich starke Theaterabende aus.