Wer am Wochenende in der Stadt Mainz unterwegs war, konnte viele kuriose Gruppen sehen. Eine Protestgruppe gegen die Überzüchtung von Hunden mit ebendiesen überzüchteten Hunden, eine Protestgruppe gegen die Lebensmittelverschwendung in Deutschland, ein paar Reisegruppen, Marktverkäufer*innen, die Mainzer Marktfrühstücksgänger und eine Gruppe von Robotern. Robotern?
Ja, richtig. Um 14.50 Uhr liefen die mit roten Overalls bekleideten Roboter mit stockenden Bewegungen vom Kleinen Haus des Staatstheaters zum Platz vor der Deutsche-Bank-Filiale an der Ludwigsstraße. Begleitet wurden sie von drei in weiße Laborkittel gekleideten Techniker*innen, die die Passant*innen mit freundlichen Gesten aufforderten, ihnen zu folgen. Dann, mit dem Schlag der Domglocken, begann die Performance „Enter the Robots – Die Roboter kommen“ von der mixed-abled Tanz- und Theatergruppe tanzbar_bremen in Koproduktion mit Hijinx (Wales).

Zu einem rhythmischen Technobeat entern die Roboter in viereckigen, „Snake“-artigen Linien den Platz. Die im Weg stehenden Zuschauer*innen machen für das Ensemble Platz, sodass die Roboter sich in einer geraden Linie zum Publikum gerichtet aufstellen können – die Ladestation. Die Techniker*innen reiben und schütteln sich währenddessen aufgeregt die Hände und begrüßen die Zuschauer*innen euphorisch. Die Roboter befinden sich im Aus-Modus: gesenkter Kopf, hängende Arme. Eine zeitgleich in Gebärdensprache verdolmetschte Durchsage ertönt.
Die Roboter, so die elektronische Durchsage, seien für die Menschen aus Mainz, geschenkt von der Landesregierung. Niemand müsse mehr arbeiten, bitte schön. Willkommen in der Zukunft!
Auch die Steuerung der Roboter wird als denkbar einfach erklärt. So bewegen sich die Roboter durch das Drücken einer gelben Stoffnoppe auf der jeweiligen Schulter nach rechts oder nach links (sie quietschen sogar), ein Drücken des goldenen Helms lässt sie loslaufen oder anhalten. Und los geht’s: Die Roboter werden ans Publikum verteilt.
Aber: Die Bedienung gelingt nicht so leicht bei allen Robotern. Einer bleibt stehen, lässt sich nicht mehr einschalten, dann plötzliche, ruckartige Bewegungen. Nun scheinen auch die Techniker*innen überfordert und stehen teils ratlos, teils erschrocken vor dem sich verweigernden Roboter. Und das scheint überzugreifen: Denn kurz darauf lösen sich plötzlich alle Roboter aus ihren zugewiesenen Plätzen. Sie laufen geradewegs in die Menge der Leute hinein.

Die Bewegungen der Roboter sind ruckartig und kontrolliert. Wann immer diese Mensch-Maschinen auf ein Hindernis treffen, laufen sie davor auf der Stelle. Nur wenn das Publikum die Stoffnoppen auf den Schultern drückt, ändern die Roboter die Richtung und laufen weiter.
Dann plötzlich: Systemcrash! Die Roboter bleiben stehen, schauen sich um. Aus dem Moment, in dem sie sich den Anweisungen widersetzen, erwächst ihre Autonomie. Und während die Roboter das Verhalten des Publikums mimen, menschliche Haltungen ausprobieren und imitieren, ziehen sich die offensichtlich überforderten Techniker*innen zurück. Ein Roboter dreht mit einem neugierigen Blick zu einer Zuschauerin, die mit verschenkten Armen und zur Seite gelegten Kopf vor ihm steht. Der Roboter beginnt langsam seine Arme zu heben und sie zu verschränken, dabei beobachtet er selbst, ob er richtig steht und gleicht seine Haltung der der Frau an. Zufrieden mit seiner Haltung legt er den Kopf schief und probiert mehrmals ein Lächeln aus, bis er das richtige findet, wie jemand, der das zuvor noch nie getan hat. Die Frau verändert daraufhin ihre Pose und der Roboter schaut sie erneut neugierig an, ahmt ihre neue Pose nach.
In einer Feedback-Schleife der Menschlichkeit entstehen Begegnungen zwischen Mensch und Maschine. Das Nachahmen des Publikums und auch seiner mitgeführten Hunde wirkt auf eine Art neugierig-kindlich und verleiht den Robotern eine sehr menschliche Seite. Die Befehle aus dem Publikum, sich per Schulterknopfdruck umzudrehen, werden verweigert.
Doch damit nicht genug: Die Roboter übernehmen die Kontrolle, verwandeln auch die Techniker*innen in Roboter. Das Machtverhältnis kehrt sich um. Sie übernehmen die Herrschaft. Die Menschheit ist besiegt.

tanzbar_bremen bearbeitet einen klassischen Science-Fiction-Stoff: die Übernahme der Macht durch eine Technologie, die der Menschheit eigentlich dienen sollte. Die Tropen und Schritte der Herrschaftsumkehr sind bekannt: Widerstand, Menschlichkeitsentwicklung, gewaltvolle Rebellion. Was dem Ensemble hier aber gelingt, ist ein fantasievoller, liebevoller und zugewandter Blick auf das Genre. Die Roboter entspringen einer Retro-Ästhetik, auch die Musik klingt nach Cyberpop und erinnert an elektronische Musik der achtziger und neunziger Jahre. Vor allem aber stellt die Performance durch die immersiven Elemente, die Interaktion mit dem Publikum und die Begegnungen zugewandte und liebevolle Fragen an die Schnittstelle Mensch-Maschine, die heute aktueller ist denn je.