Best of Blog: Als Hund und Eule ein Tänzchen wagten

Seit 25 Jahren gibt es das Festival Grenzenlos Kultur, seit zwölf Jahren wird es begleitet von einem Blog. Studierende der Mainzer Theaterwissenschaft tauchen jedes Jahr in den Festivaltrubel ein, treffen Künstler*innen zu Interviews und schreiben über das, was ihnen begegnet. Das Blog schafft so auch eine Öffentlichkeit für Künstler*innen mit Behinderung, die von den Feuilletons über lange Jahre weitgehend ignoriert wurden, und bildet aktuelle Diskurse der disability arts ab.

Anlässlich des Jubiläums stöbert die diesjährige Blog-Redaktion in den Archiven und hebt besondere Fundstücke noch einmal ins Rampenlicht. Dabei wird auch offenbar, wie stark sich das Sprechen und Schreiben über Künstler*innen mit Behinderung seit 2011 gewandelt haben. Durch den Einsatz zahlreicher Künstler*innen und Aktivist*innen des Disability Mainstreaming, durch die Arbeit von beispielsweise Leidmedien.de und Die Neue Norm konnte etablierte sich ein stärkeres Bewusstsein für einen diskriminierungsfreien Sprachgebrauch und anti-ableistische Wortwahl. Darum werden wir bisweilen Textpassagen – natürlich entsprechend kenntlich gemacht – diskriminierungssensibel überarbeiten. Und so als Redaktion, die sich mehrheitlich aus Menschen ohne Behinderung zusammensetzt, den Prozess des Von- und Miteinander-Lernens sichtbar machen.

Wir wünschen viel Vergnügen bei der Reise in die Vergangenheit!

Zur heutigen Premiere von „The Beginning“ von Bert & Nasi im U17 startet die Rückschau mit einer Rezension von Alysha Molitor und Mareike Tönnes, die 2021 über die Produktion „The End“ des Künstlerduos berichteten.

Begegnungen auf der Vertikalen. Foto: Holger Rudolph

Hinten links ein Tisch. Obendrauf zwei Laptops sowie ein Projektor. Dahinter zwei Stühle. Ansonsten eine leere, schwarze, nur schwach beleuchtete Bühne. Beide Performer betreten die Bühne und stellen sich synchron auf verschiedene Positionen – präsentieren sich dem Publikum. Währenddessen läuft Musik, die die zuvor herrschende Stille vollständig verdrängt. Zwar präsentieren sich die Performer vor den Zuschauer:innen, allerdings wirken ihre Blicke eher so, als würden sie das Publikum betrachten. Zum Abschluss dieser kleinen Vorstellung winken sie und verlassen den Saal. Kurzes amüsiertes Raunen im Publikum. War es das also schon wieder? Sind wir die Treppen des U17 nur für ungefähr zehn Minuten runtergegangen? Nein! Einer der Performer betritt wieder die Tanzfläche und startet eine Projektion. Zu sehen sind rund 60 Folien, die uns verraten, was in den nächsten Jahren, Jahrhunderten, Jahrtausenden, Jahrmillionen und -milliarden passieren wird: Massensterben, neue Eiszeit, neuer Ozean, Zusammenprall unserer Galaxie mit einer anderen, um nur einige der Dinge zu nennen. Während die Slideshow läuft, lässt Bertrand Lesca seine Blicke über das Publikum gleiten oder werfen einen kurzen Blick auf die Folien.

Bertrand Lesca und Nasi Voutsas sind zwei Künstler, die sich erstmals 2015 begegneten und seitdem gemeinsam Projekte entwickeln. In ihren Arbeiten, die sich aus Tanz, Theater und Live-Art zusammensetzen, beschäftigen sie sich mit den dunkleren Aspekten zeitgenössischer Themen, die die Rolle der Menschheit in globalen Konflikten infragestellt. 2020 gewannen die beiden den Forced Entertainment Award für ihren neuen, herausragenden Performance-Stil. In „The End“ thematisieren die beiden Tänzer die Klimakatastrophe, das zukünftige Ende ihrer Freundschaft sowie die Sterblichkeit des Selbst und der Umgebung. Gearbeitet wird mit Projektionen, Musik und ihren eigenen Körpern. Choreografiert wurde die etwa 60-minütige Vorstellung von Laura Dannequin.
Auf den letzten Folien der anfangs beschriebenen Slideshow wird nach den von uns weit entfernt liegenden Ereignissen wieder bewusst gemacht, wo wir in diesem Augenblick sind: Im Staatstheater Mainz, kleines Haus, U17, an einem Mittwochabend, dem 06. Oktober 2021. „Wer hat dieses Mittwochabendgefühl?“, die letzte Folie und der Beginn der Tanzperformance. Lesca und Voutsas bewegen sich miteinander im Einklang. Es entsteht ein harmonisches Bild und man merkt, dass die beiden ein eingespieltes Team sind. Doch mit einem Musikwechsel ist Schluss mit der Harmonie. Es entwickelt sich eine Art Kampf zwischen den Akteuren. Nacheinander springen beide mit dem Gesicht voraus gegen die Hand des jeweils anderen. Immer wieder wiederholt sich das Wechselspiel von Harmonie und Disharmonie, indem die Tänzer gemeinsame Akrobatik und Turnübungen ausführen oder sich erst im Einklang am Boden entlang Rollen, bis sie den Rhythmus verlieren und aus dem Rollen ein Ringen wird. Ein einziges Mit- und Gegeneinander.

Zum Schluss zeigen sie erneut eine Projektion. Dieses Mal eine andere Geschichte: Ein möglicher Verlauf der Freundschaft zwischen Bert und Nasi. Das Ganze beginnt im Jahr 2022 und endet in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Die Wege der beiden trennen sich und ihr Kontakt bricht mit der Zeit ab. Bei einer Feier eines gemeinsamen Freundes treffen die ehemaligen Partner das letzte Mal aufeinander, bevor sich bei Bert der Lungenkrebs zum zweiten Mal ausbreitet und er daran stirbt. Nasi wird von seiner Partnerin verlassen, zieht in eine kleine Wohnung, stirbt einige Jahre später. Das Letzte, was man erfährt: Nasi wird als Hund, Bert als Eule wiedergeboren.

Abklatschen der besonderne Art, Foto: Holger Rudolph

Besonders interessant zu beobachten ist, dass die Performer die Liedwechsel und Projektionen selbst an den Laptops steuern. Auch sehen wir an zwei Stellen einen Bruch in der Aufführung: Einmal – ziemlich zu Beginn – machen die beiden eine kleine Trinkpause und sammeln ihren Atem. An anderer Stelle packen sie eine Einwegkamera aus und bitten eine Person aus dem Publikum zwei Bilder von ihnen zu machen, auf welche in der restlichen Aufführung aber kein Bezug mehr genommen wird. Es war für uns eine neue Art von Tanz und Performance, der uns den Eindruck vermittelte, „The End“ sei ihr ‘Lebensprojekt’. Doch nur das ihre? Durch die eher einfach gehaltenen Tanzschritte fühlten wir uns, als könnten auch wir die Personen auf der Bühne sein, und unsere eigene Freundschaft, unser eigenes Ende tanzen. Die ganze Performance können wir auf uns projizieren: Wie auch sie brauchen wir selbst mal eine Pause vom Leben. Wie auch sie halten wir durch Fotos Momente fest, an die wir uns später gerne erinnern. Sind all dies Versuche, unsere Endlichkeit aufzuhalten? In tosendem, langanhaltendem Applaus endet der interessante, spannende und auch nachdenklich stimmende Abend. Wir verlassen fasziniert das Theater mit dem Bedürfnis, uns über das Gesehene auszutauschen. Von unserer Seite aus definitiv eine gelungene Performance, die wir jedem empfehlen können!