Der Spielfilm Luisa, der im Rahmen des „Grenzenlos Kultur“ Festivals gezeigt wird, thematisiert sexualisierte Gewalt, die Luisa, die Protagonistin des Films erfährt. Darüber haben wir mit Diana Kilian und Ingi El Ismy, die für die Beratungsstelle Liebelle in Mainz tätig sind, gesprochen. Sie beraten Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch Menschen aus ihrem Umfeld zu den Themen Sexualität, Liebe, Partnerschaft und Selbstbestimmung. In ihrem Peer-8-Projekt übernehmen Menschen mit Lernschwierigkeiten die Beratung. Kurse für Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Thema Selbstbestimmung und Sexualität, genau wie Fortbildungen und Workshops für Fachkräfte in Wohneinrichtungen und Werkstätten, geben sie mittlerweile deutschlandweit, in Österreich und der Schweiz.
Was sind die Vorteile der Peer-Beratung?
Diana Kilian: Die anderen Kolleg*innen unterstützen uns in Beratungen. Aber wenn sie mal raus gehen, dann merkt man sofort, dass die Beratung offen wird – freier. Wir teilen Erfahrungen. Weil wir auch in irgendeiner Art und Weise betroffen sind, können wir uns ganz anders in die Beratung einbringen. Das erhöht das Vertrauen untereinander.
Euer Fokus in der Liebelle liegt auf der Arbeit zu sexueller Selbstbestimmung. Wie steht es um die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Lernschwierigkeiten?
Diana Kilian: Es gibt viele Hürden und Grenzen. Wenn jemand im Wohnheim wohnt, muss er seinen Betreuer fragen: „Darf meine Freundin, mein Freund bei mir schlafen? Darf er morgen bei mir frühstücken?“ Sex soll ja nicht geplant sein. Das soll ja aus einer Situation heraus passieren. Einfach so. Wir reden von Selbstbestimmung, aber das ist nicht ganz so selbstbestimmt.
Inwiefern?
Diana Kilian: Seine Betreuer*innen oder Eltern ständig um Erlaubnis fragen zu müssen, ist eine Hürde. Sexualität von Menschen mit Behinderung ist immer noch ein Tabuthema. Mangelnde Aufklärung über Sex ist auch ein Problem. Und in Wohngruppen fehlt häufig der Raum für Zweisamkeit.

Wie habt ihr den Film Luisa gesehen?
Ingy El Ismy: Der Film war für uns sehr eindringlich und tatsächlich – so doof das klingt – müssen wir sagen, nichts an dem Film hat uns überrascht oder schockiert. Wir waren nicht irritiert, wir waren nicht schockiert.
Wie erklärt ihr euch die Übergriffe auf Luisa und das strukturelle Versagen der Institution des Wohnheims?
Diana Kilian: Zuerst hat Luisa den Übergriff im Auto als normal empfunden. Ich glaube, das liegt an mangelnder Aufklärung zum Thema Körper und Sex. Sie konnte nicht Nein sagen, weil sie keine Worte dafür hatte.
Ingy El Ismy: Menschen mit Lernschwierigkeiten fehlt oft eine Sprache für den eigenen Körper – den Körper benennen zu können und ein Bewusstsein für den eigenen Körper zu entwickeln.
Diana Kilian: In Wohneinrichtungen gibt es beispielsweise auch keine Ganzkörperspiegel. Personen, die einen Rollstuhl benutzen, sehen dann im Spiegel immer nur ihren Oberkörper.
Ingy El Ismy: Es gibt keine Erfahrungsräume, um den eigenen Körper zu erkunden und rauszufinden, wie fühlen sich schöne Berührungen an, was passiert da, was nehme ich wahr? Außerdem arbeiten wir mit einem Personenkreis, der ja ohnehin schon sehr wenige intime Beziehungen hat, die wirklich auf Gegenseitigkeit basieren. Wenn sie berührt werden, dann ist es manchmal vielleicht eher im Kontext von Pflege.
Diana Kilian: Und diese Berührungen tun oft weh.
Ingy El Ismy: In Hinblick auf ihren Körper erfahren unsere Klient*innen so viel Fremdbestimmung. Zum Beispiel auch in Hinblick auf unfreiwillige Verhütung. In vielen Wohnheimen ist es, ohne jede rechtliche Grundlage, für die Bewohnerinnen Pflicht, dass sie die Pille nehmen. Oft kommen Fälle von sexuellem Missbrauch erst durch eine ungewollte Schwangerschaft heraus. Wenn Personen, die zwangsverhütet werden, sexualisierte Gewalt erleben, wird dies somit meist gar nicht aufgedeckt. Damit wird das, was eigentlich schützen soll, zum Einfallstor für sexualisierte Gewalt, denn Täter*innen wissen das.
Diana Kilian: Menschen mit Behinderungen erfahren oft, dass andere besser wissen, was ihnen angeblich guttut. Welcher Partner zu mir passt, welche Kleidung ich anziehe, ob ich Sex haben darf oder nicht … Dahinter steht eine große Angst von Eltern und Angehörigen und Betreuer*innen, dass ihre Kinder oder ihre Betreuten sexualisierte Gewalt erleben.
Ingy El Ismy: Wenn Eltern oder Wohneinrichtungen Sexualität beschränken, wird ironischerweise die Werkstatt zum Ort von Sexualität, obwohl es ein Arbeitskontext ist. Und dann clashen Anforderungen, Abläufe und Aufträge gegen den Wunsch und das Bedürfnis nach sexuellen Erfahrungen.
Welche Rolle spielen Strukturen im Alltag?
Ingy El Ismy: Wir haben es mit einer Klientel zu tun, die oft einen starren Tagesablauf hat. Am Morgen wachen sie auf, dann wird zusammen gefrühstückt. Die Betreuten werden vom Fahrdienst abgeholt und je nach Alter zur Schule oder zur Werkstatt gebracht. Da verbringen sie den Tag in der Schule oder arbeiten in ihrem Vollzeit- oder Teilzeitjob. Dann kommen sie zurück, und haben vielleicht noch Therapien, Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie etc. Da gibt es keine Freiräume.
Diana Kilian: Es gibt wenig eigene Mobilität. Menschen mit Behinderung sind immer von anderen abhängig, da bleibt kein Raum, Dinge allein zu unternehmen oder spontan zu sein. Es gibt viele Barrieren im Alltag, die die selbstbestimmte Sexualität verhindern. Alles bedarf der Planung und Absprache.
In dem Film wird klar, dass jede Beziehung in der Wohneinrichtung zur Machtbeziehung wird, in der potenzielle Gewalt liegt. Was ist eure Perspektive darauf?
Diana Kilian: Es fängt bei der Entscheidungsmacht an. Wen darf ich treffen? Wen kann ich treffen? Wer interveniert in Begegnungen? Ich würde mir viel mehr Raum für eigene Erfahrungen wünschen.
Ingy El Ismy: Auch die Entscheidungsmöglichkeiten in der Pflege sind viel zu begrenzt. Es gibt oft keine Auswahl an Körperpflegeprodukten. Schon wenn die Betreuerin darüber verfügt, ob die Betreute das blaue oder das rote T-Shirt anzieht, liegt darin Gewalt. Was helfen würde, wäre auch eine Verbalisierung der Pflegevorgänge. Was passiert da gerade mit meinem Körper? Wie fühlt sich das an? Kann ich mitentscheiden, in welcher Reihenfolge ich gepflegt werde und welche Unterstützung ich genau brauche?
Wie kann denn ein Schutz von Menschen mit Lernschwierigkeiten vor sexualisierter Gewalt – insbesondere in Wohneinrichtungen – aussehen, der nicht bevormundend ist?
Diana Kilian: Den Schutz gibt es ganz klar nicht. Und den wollen auch Menschen mit Behinderung nicht.
Ingy El Ismy: Immer, wenn wir uns in Strukturen bewegen, ist Macht ein Thema. Und überall, wo Macht ist, passiert auch Gewalt. Ein Bewusstsein darüber ist enorm wichtig und ein grundlegender Haltungsaspekt.
Was würdet ihr euch wünschen?
Diana Kilian: Ein*e ausgebildete*r Sexualbegleiter*in, auch in Wohneinrichtungen, wäre wünschenswert. Das würde die Betreuer*innen entlasten, die nicht alles abfangen können. Das dürfen sie ja auch nicht. Und ein*e Sexualbegleiter*in kennt die Person nicht so gut aus dem Alltag, sondern nur in diesem Bereich und kann unabhängiger mit der einzelnen Betreuten zum Thema Körper und Sexualität arbeiten.
Ingy El Ismy: Und wir müssen andere Zugänge finden, wenn das Thema auf einer sprachlichen Ebene unverständlich ist oder schambehaftet. Es gibt so viel gutes Material, um das Thema Körper und Sexualität erfahrbar zu machen, haptisch, in Leichter Sprache, mit Bildern, Modellen und spielerischen Übungen.
Diana Kilian: Und wir brauchen mehr Individualität in den Pflegeprozessen. Aber gleichzeitig, und das dürfen wir auch nicht vergessen, sind Einrichtungen an Strukturen gebunden. Personalmangel und Zeitmangel sind immer Thema.
Ingy El Ismy: Und gleichzeitig wäre die Pflege auch ein Moment, in dem sexuelle Bildung möglich ist. Wir können da eine Sprache entwickeln und in den alltäglichen Momenten Grenzen ausloten. Wenn da eine Tür vielleicht offensteht, während eine Person die Toilette benutzt, dann lasse ich die Tür nicht auf, sondern gehe hin und sage, ich möchte nicht sehen, wie du auf dem Klo sitzt und du möchtest nicht beobachtet werden, weil das deine Privatsphäre ist. Wir machen jetzt die Tür zu. Das ist ein Moment, wo sexuelle Bildung passiert. Und dass sexuelle Bildung Grundlage ist von Gewaltschutz, wissen wir alle.
Frauen und Mädchen mit Behinderungen sind zwei- bis dreimal häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als Frauen und Mädchen ohne Behinderung.
Infos und Hilfsangebot gibt es hier:
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 116 016
https://www.liebelle-mainz.de/de/
https://www.frauennotruf-mainz.de
https://www.suse-hilft.de/de/