Audiobeskriptionen des Bühnenbilds, gesprochen durch die Schauspielenden selbst, ein Übertitel-Screen, der sich mehrfach verselbstständigt, gewitzte Publikumsinteraktionen und schon vermeintlich ein Zertrümmern der vierten Wand gibt es bei der britischen Theatergruppe Flawbored zu sehen.
In ihrem Stück It’s a Motherf**king Pleasure schafft es die Gruppe, mit verschiedenen Techniken, schnellen Dialogen und viel schwarzem Humor dem Publikum „vor Augen zu führen“, welche Auswirkungen die Befangenheit vieler Menschen bezüglich Behinderungen auf Betroffene haben kann: „Able Anxiety“, die Angst, sich in Anwesenheit von Personen mit Behinderung falsch zu verhalten oder das Falsche zu sagen.
Ein von der PR-Agentur RIZE repräsentierter Influencer hat sich zu Beginn der Handlung einen Fauxpas geleistet: Er hat sich in der Öffentlichkeit ableistisch geäußert – eine PR-Strategie für das Unternehmen muss her, um das eigene Gesicht zu wahren. Das ist die Chance für den blinden Angestellten Tim (Samuel Brewer), seines Zeichens Quotenangestellter mit Behinderung, seine Fähigkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit zur Schau zu stellen. Mithilfe des ebenfalls blinden Influencers Ross (Aarian Mehrabani) beginnt er, dessen Social-Media-Follower*innen verschiedene „Blinden-Experiences“ schmackhaft zu machen, etwa „Dinner im Dunkeln“ oder Dating ohne Bilder der anderen Personen. Schließlich sei heutzutage nichts langweiliger und belastender, als keiner benachteiligten Gruppe anzugehören – Tim verkauft diese Erfahrungen für „Normies“. Währenddessen tänzelt Helen Richardson (Chloe Palmer), die HR-Managerin der Firma, immer wieder ängstlich um die beiden Männer mit Behinderung herum, durch ihre Able Anxiety augenscheinlich immer nur einen Atemzug vom Kreislaufkollaps entfernt. Sie hat an Workshops teilgenommen, sie hat ihre Privilegien reflektiert. Was sich daraufhin an Verwicklungen und Konversationen abspielt, könnte man zynisch als „Woke-Olympics“ bezeichnen. Es ist ein Karussell der Identitätspolitik in Steigerungslogik.

Während des Stückes verändern sich die Dynamiken, man baut Sympathien für Figuren auf und ab und fühlt sich gelegentlich auch selbst ertappt, wenn eigene Denk- oder Verhaltensweisen auf der Bühne angesprochen werden. Immer wieder treten die Darsteller*innen aus dem Geschehen heraus, sprechen als sie selbst unter ihrem bürgerlichen Namen, beschreiben dem Publikum in Worten, was soeben vor sich ging, geben eigene Erfahrungen wieder und klären über Wahrnehmungen von Behinderungen auf. Das Bühnenbild, ein stechend gelber Teppich, ebenfalls Access-Maßnahme, die die Bühnengrenze für die Performenden erkennbar macht, mit zwei Sesseln und zwei hohen Mikrofonen, verändert sich dabei kaum, stellt aber, immer je nach Audiodeskription der beteiligten Schauspielenden, verschiedene Räumlichkeiten und Szenen elegant her.
Highlight des Bühnenbildes ist – im wahrsten Sinne des Wortes – ein großer Screen, der mittig an der hinteren Wand hängt und der parallel zum Bühnengeschehen das Gesprochene in verschiedenen Farben und Schriftarten wiedergibt – denkt man. Bis auf einmal in Abwesenheit der Darstellenden der Operator des Screens selbst zu Wort kommt und das Publikum dazu auffordert, den dort geschriebenen Text laut vorzulesen, um die Barrierefreiheit zu sichern. So entsteht eine spannende Dynamik auf Seiten der Zuschauer*innen, wenn sich immer wieder eine kurze und teils unangenehme Stille breitmacht, bis sich eine Person selbstsicher genug fühlt, sich zu Wort zu melden. Der Screen ist aber nicht nur ein Medium, um Sprache zu übermitteln, er gibt sich wandelbar. Computer-Fehlermeldungen, PowerPoint-Folien, real existierende Websites, sie alle finden ihren Weg ins Bühnengeschehen und werden clever kommentiert und fast schon zynisch mit Blick auf paradoxe Verhältnisse im Diskurs um Barrierefreiheit und Inklusion eingesetzt.

Der Humor in It’s a Motherf**king Pleasure ist clever eingesetzt, überaus unterhaltsam und lässt einen zweifeln, ob es wirklich okay ist, zu lachen. Das Stück und die herausragende schauspielerische Performance wirken leicht und kurzweilig, sodass ernstere Szenen und der Höhepunkt der Handlung, in dem die Disability-Positivity-Kampagne plötzlich sehr negative reale Auswirkungen hat, das Publikum kalt erwischen und einem das Lachen beinahe im Hals stecken bleibt.
Mit Bezügen auf real existierenden Ableismus, aber auch der Anerkennung, dass Able Anxiety eine reale Erfahrung ist, bei der es Aufklärung bedarf, endet das grandios und kreativ inszenierte Bühnengeschehen, bei dem die sogenannte vierte Wand dauerhaft höchstens ein seichter Vorhang war. Immer wieder entsteht ein Kippbild aus Bühnengeschehen und Realität, wie zum Beispiel, wenn Flawbored die im Stück ausgedachten Marketingideen, wie das „Dinner im Dunkeln“, selbst in der Recherche findet und die Rechercheergebnisse zum Teil des Bühnengeschehens macht. „Dinner im Dunkeln“ ist übrigens selbst nicht zugänglich für blinde Menschen.
It’s a Motherf**king Pleasure fordert die Zuschauenden heraus, ihre eigenen Wissensbestände und Verhaltensweisen zu hinterfragen, nimmt der ganzen Thematik durch teils unfeine Ausdrucksweise und ständiges versehentliches Fehlverhalten der Figuren den Druck zur Perfektion. Sehr böse, sehr lustig und sehr britisch.