Rosa und pinke Luftballons fallen von der Decke auf die Bühne. Die ruhigen Klaviertöne verwandeln sich in laute Rockmusik. Die Bühne wird blau beleuchtet und das Licht flackert. Mit ihren bloßen Händen und in Rage zerstören die acht Tänzer*innen die Luftballons. Einer Performerin gelingt es, den Luftballon kaputt zu beißen. Es ist einer der Momente, in denen man nicht sicher ist, ob Lachen oder Weinen die richtige Reaktion ist.
„Una brillant imperfecció“ – ein Tanztheater der Compañía Vero Cendoya, Barcelona, inszeniert von Vero Cendoya und gezeigt im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz – richtet sich, ganz nach dem von Eli Clare geschriebenen Buch desselben Namens, gegen Mitleid und fragt, warum Behinderungen immer noch als etwas zu Überwindendes gelten.

Die laut zerberstenden Luftballons überraschen, da zuvor doch alles sehr gediegen abzulaufen schien. Alle Tänzer*innen tragen knallrosa, seidig glänzende Overalls mit verschiedenen Schleifendetails. Ihre Haare sind von ebenfalls knallrosafarbenen OP-Hauben bedeckt. Zwei Tänzer, David Lopez Estall und Joel Balseiro, stehen Hand in Hand in der Mitte der Bühne mit jeweils einem rosafarbenen Luftballon in der anderen Hand. Sie tanzen eine sich immer wiederholende Abfolge von Tanzschritten. Nur ihre Füße bewegen sich und gleiten über den Boden. Ballettelemente wie Relevés und Glissades lassen sich erkennen. Ihr Oberkörper aber bleibt still. Ein Performer, Oriol Prats, im schwarzen Frack sitzt vorn an der Seite der Bühne auf einem Hocker und spielt auf einem unsichtbaren Klavier, dessen Klang aus dem Off ertönt. Zu solch kontrastreichen Szenen kommt es in den 75 Minuten immer wieder, anfangs rätselhaft, doch mit der Zeit ergeben sie Sinn.
Nicht ohne Grund trägt das Tanztheater auch den Namen „Der Tod eines Pianisten“. Sònia Molins Cortes stellt sich mit ihrem Rollstuhl in die Mitte der Bühne und schreit den Pianisten an, er solle aufhören, Klavier zu spielen. Nach mehreren Aufforderungen und einer kurzen Pause fängt dieser wieder an. Der Rest des Ensembles kommt zu ihr geeilt und schließt sich ihr an. Gemeinsam schreien sie nun den Pianisten an, bis – der Höhepunkt der Szene – eine Tänzerin mit ihrer Hand eine Schusswaffe formt, damit auf den Pianisten zeigt und plötzlich ein Knallgeräusch ertönt. Der Pianist fällt zu Boden, Stille tritt ein, einige verlassen die Bühne. Was folgt, ist eine andauernde Abfolge von Ermordungen und Wiederauferstehungen des Pianisten. Von rechts kommend bewegen sich die Tänzer*innen auf den Pianisten zu. Durch Gesten mit passender Geräuschuntermalung lassen sie den Pianisten von seinem Hocker stürzen. Von diversen Waffen, Angeln, schrillem Gesang und Tränengas bis hin zu dem vergifteten Apfel aus „Schneewittchen“ sind alle erdenklichen Methoden mit dabei. Nach und nach kommen unter den Kostümen und Hauben Straßenkleidung und ihre Haare zum Vorschein.

Von rosa Hauben und Fliegerkostümen, die an Schweinchen erinnern, und strikten Bewegungen wandeln sich die Tänzer*innen zu selbstbestimmten Figuren, die sich immer ausgefallener bewegen. Der Pianist, dabei als Symbol der Normgesellschaft, wird an den Pranger gestellt. Auf die Frage hin, ob Sonia Molins Cortes eine Tablette einnehmen würde, um ihre Behinderung zu heilen, antwortet sie, wie auch alle anderen, mit einem klaren „Nein“. Nicht die Zerebralparese ist das Problem. Das Problem ist, wie sie angeschaut wird. Und genau das wird deutlich. Der Spieß wird umgedreht. Fünf der acht Tänzer*innen verlassen die Bühne. Der Publikumsraum wird hell und wir als Zuschauer*innen werden angestarrt. Die Performer*innen halten den Blick so lange, dass es unangenehm wird: Ich möchte aus ihrem Blickfeld wieder heraus und zurück in den dunklen, passiven Publikumsraum.

Doch es bleibt dazwischen nur noch ein kurzer Augenblick, um das zuvor Gesagte sacken zu lassen: Wir alle sind bemitleidenswert. Und damit wird das gesamte Publikum aufgefordert, auf die Bühne zu kommen und zu tanzen: „Pity Party“ steht in hell leuchtenden Lettern über der Bühne. Nach kurzem Zögern steht fast die Hälfte der Zuschauer*innen auf der Bühne und tanzt ausgelassen mit. Es ist ein Beisammensein, ganz egal, wer man ist, wieso man dort ist, ob man eine Behinderung hat oder nicht. Es spielt keine Rolle. Was zählt, ist Spaß und Gemeinschaft. Der von Eli Clare geschriebene Satz „Charity has long organized itself around the twin notions that disability is tragic and disabled people pitiful“[1] ist angekommen. Der Saal ist von vielen Emotionen erfüllt, aber eben von einer nicht: Mitleid.
[1] Eli Clare: „Brilliant Imperfection. Grappling with Cure“, 2017