Eine Figur, zwei Sprachen

Eyk Kauly ist Deaf Performer, Schauspieler und Gebärdensprachkünstler. In Altbau in zentraler Lage – eine Schaueroper des Schauspiel Leipzig – tritt Eyk Kauly als Vollziehungsbeamter und spukendes Gespenst auf. Im Interview erzählt er von der Vorbereitung des Teams auf die gemeinsame Probenarbeit, das gemeinsame Spiel und fordert das feste Engagement von Tauben Schauspieler*innen an großen Theaterhäusern.

Was ist deine Horror-Erfahrung auf dem Wohnungsmarkt?

Eyk Kauly: Als ich geboren wurde, wurden wir rausgeschmissen aus der Wohnung. Es war ganz kalt und wir mussten raus und es war ernst. Wir wären fast gestorben im Winter. Das war Horror – für meine Figur im Stück, meine ich.

In dem Stück geht es viel um Kommunikation. Was war für die Kommunikation im Team wichtig?

Eyk Kauly: Wichtig war, dass es vor Beginn der Proben eine Sensibilisierung gab, beispielsweise durch Workshops zum Thema Audismus oder Gebärdensprache. Das Team hatte dadurch schon bestimmte Hintergrundinformationen: Wie geht man mit Tauben Personen um, wie kommuniziert man? Als die Proben losgingen, hat man den Einfluss dieser Workshops bemerkt. Die Ensemblemitglieder sind auf uns zugekommen. Dazu sollte es im Team eine Person geben, die sich mit dem Thema Inklusion auskennt. Bei uns war das Rahel Doehring-Jahn. Sie konnte bestimmte Probleme, die entstanden sind, identifizieren und daran ansetzen, wie sich damit besser umgehen lässt. Die Arbeit wäre ohne sie so nicht möglich gewesen.

Das Bild zeigt das Bühnenbild von "Altbau in zentraler Lage". Zu sehen sind zwei voneinander abgetrennte Zimmer. Im Zentrum ist ein Esszimmer zu sehen, an dessen Rändern drei Gespenster in enganliegenden Rüschenkostümen lauern. Die Bewohnerin Zoey sitzt verschreckt am Tisch, während ihre Nachbarin Trisha zur Tür reinkommt.
Drei Gespenster spucken durch den Altbau in zentraler Lage und verschrecken die Bewohnerinnen. Foto: Rolf Arnold

Wie entstand eine Taube Perspektive auch im Text?

Eyk Kauly: Raphaela Bardutzky, die hörende Autorin hat sich Athena Lange als Taube Co-Autorin dazugeholt. Sie haben den Text gemeinsam ausgearbeitet und auch, wie eine Taube Rolle in dem Stück aussehen kann – und zwar so, dass sie eben nicht aus einer hörenden Perspektive entwickelt wird, die sich vorstellt, wie Taube Menschen agieren. Die Co-Autor*innenschaft hat maßgeblich zur Authentizität der Figur beigetragen.

In Teilen des Stücks spielt ihr in Tandems und werdet eine Figur mit zwei Sprachen. Wie habt ihr euch als Schauspielende zu zweit eingetuned?

Eyk Kauly: Das kam ganz einfach durchs Proben. Wir haben Signale ausgetauscht, dass eine andere Person ungefähr weiß, wo ich bin, wenn ich eine bestimmte Gebärde mache. Das war das Gleiche für mich: Wenn ich sehe, der Mund bewegt sich, dann wusste ich, jetzt muss ich anfangen. Wir haben uns relativ schnell aneinander gewöhnt. An der Stelle muss ich betonen, dass das Team einfach super war. Dadurch, dass es vorab Sensibilisierungsworkshops gab, wussten alle im Team, worauf sie sich einstellen. Hätte es die nicht gegeben, hätte der Prozess sicherlich viel länger gedauert.

Als Tandem spielen Eyk Kauly (links) und Sonja Isemer (rechts) Mrs. Badger, die Zoey in Gebärden und Lautsprache aus ihrer Wohnung wirft. Foto: Rolf Arnold

Nehmen Taubes und hörendes Publikum das Stück sehr unterschiedlich wahr?

Eyk Kauly: Es gibt bestimmte Inhalte, die nur gebärdensprachlich mitgeteilt werden und nicht lautsprachlich. Andersrum genauso. Die Regisseurin hat sich gewünscht, dass die Zuschauenden das Gefühl bekommen, dass es fair ist: dass Taube Menschen manchmal etwas verpassen, aber auf der anderen Seite genauso hörende Menschen mal etwas verpassen. Es gibt Szenen, in denen Hörende oft lachen müssen und Taube Menschen gar nicht. In manchen Szenen ist es andersrum. Allerdings kennen Taube Menschen dieses Gefühl gut. Sie sitzen oft in Theatern und verstehen etwas nicht. In Altbau in zentraler Lage ist es auch so. Trotzdem kann man folgen. Das war der Wunsch der Regisseurin, dass eben nichts Wichtiges dadurch verpasst wird.

Was wünscht du dir mehr von großen Theaterhäusern?

Eyk Kauly: Große Theaterhäuser und gerade Intendanten und Personen, die Verantwortung tragen, sollten sich bewusst machen, dass sie Taube Menschen anstellen können – dass sie Tauben Schauspielenden Chancen geben müssen. Sie sollten verstehen, dass es genauso darum geht, zu gucken, was Theater durch Taube Menschen auf der Bühne gewinnen kann. Häufig stehen Theater Behinderungen offener gegenüber, die keine Kommunikationsbarriere mit sich bringen. Wenn sie dann auf Gebärdensprache treffen, sind sie typischerweise aufgeschmissen. Es sollte mindestens einen Taube Schauspieler, einen Taube Schauspielerin geben, die fest angestellt ist. Taube Menschen müssen mitgedacht und in den Theaterbetrieb einbezogen werden.