What’s the F**king Point? – Was soll der verdammte Mist? Wozu braucht es Diagnosen, Zuschreibungen und festgelegte Kategorien von Identitäten, wenn sie die Menschen dahinter doch unsichtbar machen? Die britische Theatergruppe FlawBored stellt diese Frage bereits im Titel ihres neuen Stücks, das als szenische Lesung im Rahmen von „Grenzenlos Kultur“ in der Kakadu Bar des Staatstheater Mainz zu sehen ist. Ihre Komödie ist noch in Entwicklung und wird auf Englisch gelesen, doch ihre Themen sind unmittelbar verständlich: Es geht um Behinderung, psychische Erkrankungen, Identität und die absurde Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung.

„Herzlichen Glückwunsch! Deine Diagnose hat sich verändert.“ Was zunächst wie eine gute Nachricht klingt, löst bei den Freund*innen Matteen, Beth und Julia gemischte Gefühle aus. Matteen (herrlich humorvoll verkörpert von Aarian Mehrabani) könnte glücklicher nicht sein. Der junge Mann erfährt, dass er nach einer Änderung der medizinischen Richtwerte nicht mehr als blind, sondern nur noch als Mensch mit geringer Sehfähigkeit gilt. Doch während er sich über seine neue Diagnose freut, bleibt Julia (Madison Clare) fassungslos. Sie erhält die Diagnose Depression. Beth (wunderbar authentisch gespielt von Chloe Palmer) steht daneben, schwirrt zwischen den beiden und sucht verzweifelt nach einer Erklärung für ihr eigenes Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Eine Diagnose, so scheint es, könnte ihr endlich Aufmerksamkeit verschaffen.
Matteen verliert durch seine neue Einstufung Unterstützung am Arbeitsplatz. Plötzlich muss er Kaffee verteilen, während die nötigen Markierungen entfernt wurden. Er verbrennt sich die Hände und läuft gegen Stühle, während die Arbeitswelt so tut, als sei seine Behinderung mit einer neuen Diagnose verschwunden. Die Szene ist komisch und schmerzhaft zugleich.
Die größte Stärke des Abends liegt darin, dass er solche Widersprüche nicht trocken erklärt, sondern in groteske Situationen verwandelt. Die Audiodeskription kommt aus dem Off (Rob Merriam). Sie beschreibt nicht nur, was auf der Bühne passiert, sondern lässt auch Szenen ohne viele Mittel entstehen. Mehr noch: Die Stimme wird hier zur eigenständigen Figur: Sie kommentiert, bewertet und grätscht in die Handlung hinein. Selbst in ernsten Momenten sorgt sie für Lacher. Darf man darüber lachen? Über die absurden medizinischen Einstufungen, die Menschen trotz offensichtlicher Einschränkungen Hilfe entziehen? Oder muss man gerade deshalb lachen, weil die Realität so absurd ist?
Auch Beths Geschichte legt den Finger in eine offene Wunde. Weil die Tests für Diagnosen lange dauern, bekommt sie lediglich einen Sticker mit der Aufschrift, sie sei „selbstdiagnostiziert“. Ein kleiner Aufkleber, der ihr jede Glaubwürdigkeit zu nehmen scheint. In einer Selbsthilfegruppe wird sie von anderen Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen. Sie ist nicht behindert genug, nicht eindeutig genug, nicht lange genug Teil der Gemeinschaft. Und sogar hier gelingt es ihr, als Millennial Middle Class White gifted child den Ausschluss gegen sich zu deuten und zu argumentieren, je häufiger sie wegen dessen, was sie ist, „Diskriminierung“ erfahre, desto behinderter werde sie.
Das Stück spielt bewusst mit solchen Grenzziehungen. Immer wieder fällt das Wort „normal“. Darauf folgt die Frage: Was ist normal? Die Antwort bleibt aus, und genau darin liegt die Stärke dieses wiederkehrenden Satzes. Normalität erscheint nicht als natürliche Tatsache, sondern als Maßstab, den Menschen geschaffen haben. Wer davon abweicht, muss sich erklären. Wer hineinpasst, darf sich dagegen als selbstverständlich betrachten. Die Selbsthilfegruppe wird zum Schauplatz dieser Widersprüche. Die Figuren sprechen davon, ein „Problem“ zu haben, während zugleich betont wird, dass eine Behinderung zu haben, nicht automatisch ein Problem bedeutet. FlawBored nimmt stereotype Begriffe auf, dreht sie um und lässt sie gegen die sprechen, die sie verwenden. Auch das sogenannte „Cripping Up“ wird satirisch beleuchtet: Nichtbehinderte Schauspieler*innen spielen in Hollywood immer wieder Menschen mit Behinderung und werden dafür gefeiert, obwohl behinderte Schauspieler*innen bei der Besetzung von Rollen häufig kaum berücksichtigt werden. Der Kommentator spricht einen Disclaimer, der sinngemäß darauf verweist: Wenn Hollywood nicht behinderte Menschen Menschen mit Behinderung spielen lässt, darf die Gruppe dieses Prinzip schließlich auch umkehren. Gerade diese groteske Logik macht sichtbar, wie absurd es ist, Behinderung als besondere schauspielerische Herausforderung auszustellen.
Dabei bleibt der Abend nicht bei der Frage stehen, wer eine Behinderung darstellen darf. Er fragt auch, wie Identität entsteht und wer sie anerkennen muss. Nur etwa drei Prozent der Schwerbehinderungen sind angeboren, viele Menschen werden erst im Laufe ihres Lebens behindert. Was geschieht dann? Akzeptiert man sich selbst? Wird man vom eigenen Umfeld akzeptiert? Welchen Einfluss haben Diagnosen auf das Selbstverständnis?

Die schwierigste Figur bleibt Beth. Sie fühlt sich unbedeutend und sucht nach einer Diagnose, die ihren Schmerz sichtbar machen könnte. Am Ende begeht sie Suizid. Hier bricht im leichtfüßigen, grotesken und lustigen Text die Grausamkeit ein. Erst jetzt wird deutlich, dass ihre Verzweiflung früher hätte ernst genommen werden müssen. Zugleich stellt sich eine unbequeme Frage: Darf sich Beth überhaupt unbedeutend fühlen, obwohl sie als weiße, privilegierte Frau auf wenige Barrieren stößt? Die Inszenierung beantwortet diese Frage nicht endgültig und sollte es vielleicht auch nicht. Krankheiten und Behinderungen lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Wer leidet, verliert sein Recht auf Hilfe nicht durch seine Privilegien. Entscheidend ist, ob jemand zuhört.
Gerade darin liegt die Qualität dieser szenischen Lesung. „What’s the F**king Point liefert keine einfache Definition von Behinderung und keine fertige Antwort auf die Frage, wer Bedürfnisse haben und äußern darf. Stattdessen macht die Komödie die Unsicherheit selbst zum Thema. Sie zeigt, wie schnell Menschen in Kategorien gepresst werden und wie wenig diese Kategorien über ihr tatsächliches Leben aussagen. Es ist ein Abend über Diagnosen, aber nicht über Zahlen. Über Begriffe, aber nicht nur über Sprache. Über Menschen, die gesehen werden wollen und dabei immer wieder an unsichtbare Grenzen stoßen. FlawBored gelingt es, ernste Themen mit Satire zu verbinden, ohne die Figuren lächerlich zu machen.
Die Frage aus dem Titel hallt weiter: „What’s the F**king Point?“ Keine Diagnose, kein Sticker und keine Statistik können einen Menschen vollständig erklären. Manchmal ist der erste Schritt zur Veränderung weniger spektakulär: genauer hinsehen, zuhören und aufhören, anderen vorzuschreiben, wie ihr Schmerz auszusehen hat.