tanzbar_bremen vs. KI – eine Bewegungseinführung

Es ist Sonntagvormittag auf dem Tritonplatz vor dem Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz. Ich treffe tanzbar_bremen, die mit ihrem Stück Enter the Robots an diesem Wochenende mehrfach die Mainzer Innenstadt übernehmen. Als Schar autonom gewordener Roboter in roten Overalls und goldenen Helmen reißen sie die Herrschaft an sich. Das kommt mir angesichts der Nachrichten der letzten Wochen über CEOs führender Tech-Firmen, die nun vor den von ihnen eigens entwickelten KIs warnen, die in absehbarer Zeit nicht mehr zu kontrollieren seien, sehr bekannt vor.

Meine Angst ist auch noch da: vor technischer Übermacht, davor, dass die Welt außer Kontrolle gerät (wessen Kontrolle, sollte ich wohlgemerkt fragen) und sich nichts dagegen tun lässt. Die künstliche Intelligenz, die ich mir dabei vorstelle, wandelt körperlos und ungreifbar zwischen elektronischen Geräten, die mir begegnen, und Rechenzentren, die ich in kastenartigen Gebäuden entlang von Bahnstrecken vermute. Das Objekt meiner Angst ist in jedem Fall konturlos und diffus.

Nicht so bei tanzbar_bremen: Die Machtübernahme ist fassbar und das Szenario wunderbar körperlich. Auch das Aufwärmen gefällt mir. In einem großen Kreis stehen wir und klopfen und streichen unseren eigenen Körper ab. Der fühlt sich noch ganz menschlich an: warm und weich. Hände kreisen, dann die Schultern. Ich strecke meine Arme über den Kopf und dehne meinen Körper. In einem Pulk bewegen wir uns aneinander vorbei und durcheinander hindurch – zur Vernetzung denke ich mir. Es folgen Koordinationsübungen, die ich mit tanzbar_bremen in der Mittagssonne absolviere.

Vor der Glasfront der Kleinen Haus des Staatstheater Mainz bewegt sich eine Gruppe in roten Overalls und goldenen Helmen über einen Platz. Ihnen gegenüber steht eine Person im weißen Kittel mit erhobenen Armen; rechts sitzt eine weitere Person im roten Overall im Rollstuhl.
Wie wird ein Mensch ein Roboter? Pauline Michel hat eine Bewegungsrecherche mit den Robotern der tanbar_bremen absolviert. Foto: Holger Rudolph

 

Dann kommen Adrian Wenzel und Isabel Schönfelder aus dem Ensemble auf mich zu. Sie übernehmen die detaillierte Einführung – meine genaue Programmierung sozusagen. Zunächst folge ich beiden zur Ladestation, einer langen Linie auf dem Boden des Platzes. Die Position dort: hängender Kopf, der Rest des Körpers steht ganz ordentlich. Meine Arme hängen hinab, die Hände berühren die Oberschenkel und die Füße stehen parallel. Es ist der Ruhemodus und ich bleibe so, bis ich Adrians oder Isabels Handfläche auf meinem Kopf spüre – dann kann ich loslaufen, immer geradeaus. Ich lerne die nächsten Funktionen: Ein Tippen auf die Schulter bedeutet einen Richtungswechsel (die quietschenden Schulterpolster des Kostüms als Knöpfe fehlen mir leider). Adrian Wenzel, im Stück einer der einweisenden Ingenieure, erklärt mir die Bewegung im Detail. Zuerst rotiert meine Schulter nach hinten, mein Körper und meine Füße folgen. Ich drehe mich um 45 Grad. Mein Kopf aber verweilt noch kurz und dreht sich erst zum Schluss in die befohlene Richtung. Meine Programmierung ist abgeschlossen.

Die Vorstellung, wie mir nun Mainzer Bürgerinnen und Bürger begeistert und beständig wechselnde Kommandos geben, weckt auch in mir einen Willen zum Ungehorsam. Wie sie das machen – sich widersetzen –, frage ich nach. „Es ist, als habe man einfach keinen Bock mehr“, sagt Isabel Schönfelder. Im Stück gehen die Roboter mit sich schnell und in alle möglichen Richtungen bewegenden Armen auf ihr Gegenüber zu. Oder bleiben einfach stehen, verweigern jegliche Reaktion und gucken zurück.

Eine Gruppe von Menschen in roten Overalls, goldenen Helmen und lilafarbenen Handschuhen bildet vor dem Kleinen Haus des Staatstheater Mainz eine dichte, choreografierte Formation. Viele strecken die Arme in unterschiedliche Richtungen; in der Mitte ist eine Person im Rollstuhl zu sehen.
Eine körperliche Maschine lässt sich nachempfinden. Foto: Holger Rudolph

Ich stehe wieder im Publikum und schaue der Vorstellung zu. Langsam finde ich diese Zukunftsvorstellung gar nicht mehr so schlecht: Ich, umgeben von einer Crew arbeitsverweigernder Roboter aus Bremen. In meinem Hinterkopf macht sich leise der Gedanke bemerkbar, dass humanoide Roboter als Zukunftsversion eher in die 2000er Jahre passen und in meiner Präferenz ein Hauch von Nostalgie steckt. Dennoch wünsche ich mir die Roboter aus Enter the Robots anstelle von einer körperlosen KI von OpenAI, Anthropic und Co. Sie haben eine Körperlichkeit, die ich nachempfinden kann. Und eine Widerständigkeit, die das Angeschaut-Werden umkehrt. Sie emanzipieren sich davon, nur gehorsames Objekt zu sein – und das auf eine unbeirrbar-kluge, wie charmante Art. Das mag aber nun doch wieder eine allzu menschliche Perspektive von mir sein.