Wer ist hier eigentlich der „Freak“?

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Beginn einer Epoche der Zurschaustellung des Außergewöhnlichen: Tiere ferner Kontinente wurden in Zoos gezeigt, Carl Hagenbeck veranstaltete sehr erfolgreich rassistische „Völkerschauen“ und es gab „Freak Shows“, wie sie heute bezeichnet werden, auf Jahrmärkten oder im Zirkus. Vorgeführt wurden Menschen mit körperlichen Besonderheiten: Menschen mit einer Körpergröße, die von einer Norm abwich, Menschen mit einer Körperbehaarung, die man für außergewöhnlich hielt, Menschen mit körperlichen Behinderungen … In einer sogenannten Freak Show kulminierten Kolonialismus, Rassismus und Ableismus: Othering at its best! Im Circus Krone waren kleinwüchsige Menschen bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als selbstverständlicher Teil des Zirkusprogramms.

Und jetzt also wieder eine derartige „Freak Show“ im Staatstheater Mainz? Nein!

Vor der lilafarbenen Aufschrift "Freak Show" auf schwarzer Leinwand steht ein Performer in Frack und spricht.
Filip Pawlak als Showmaster in Freak Show. Foto: Holger Rudolph

Freak Show ist der Titel der rund 60-minütigen deutschen Erstaufführung in der Regie von Łukasz Ronduda und Filip Pawlak. Der Aufführungsstil ist humoristisch und expressiv, das Kostümdesign reicht ins Fantastische: ein verschwenderisches Tüllkleid mit einer mit roten Perlen besetzten Blutspur, eine voluminöse Perücke mit herausstehenden Hasenohren, eine Ganzkörperrose, die sich über die Arme fortsetzt. Das Ganze steht in der Tradition des polnischen Avantgarde-Theaters eines Tadeusz Kantor: Das Groteske und Surreale durchdringt das Alltägliche, die Figuren wirken entfremdet, teils puppenhaft.

Vor einem blau leuchtenden Kreis steht eine Figur in weiß gerüschtem Kleid und High-Heels. Sie trägt eine blonde Perücke mit Hasenohren. Ihr Mund ist offen und ihre Arme streckt sie angewinkelt nach oben.
Babcia als Karikatur eines Kaninchens. Foto: Holger Rudolph

Aufgebaut ist die Performance nach dem Schema der Nummernshows klassischer Zirkusaufführungen: einzelne Auftritte ohne erkennbaren Zusammenhang – so wie im Zirkus auf die Tigerdressur die Clownsnummer oder der Hochseilakt folgt. Als Erstes tritt eine junge Frau in einem opulenten Kleid (Babcia) auf: vom Hals aufwärts die Karikatur eines Kaninchens, das verzweifelt versucht, eine Karotte zu fressen. Im Bühnenhintergrund die Projektion: weiße Kaninchen – und gehäutete Schlachttiere. Die zweite Nummer: eine „lebende Rose“ (Nadia Markiewicz), Rosenöl versprühend, ein absurdes Gedicht über ihr Verhältnis zum Mond rezitierend und sich in langsamem Tanz über die Bühne drehend. Anschließend: Rodins „Denker“ (Daniel Kotowski), in Unterwäsche, plötzlich aus seiner Versunkenheit heraus explodierend, gestikulierend, Laute erzeugend, sich selbst via Livekamera auf die Rückwand der Bühne projizierend, schließlich in seine bekannte „Denker“-Pose zurücksinkend. Es folgt die Gesangsdarbietung einer sogenannten „Madame Picassa“ (Aleksandra Nykiel), in einem Paillettenkleid, im Stil einer Midnight-Show. Eingeleitet, verbunden und abgeschlossen werden diese Shownummern durch die Auftritte eines ebenso schmeichelnden wie großspurigen Ansagers im Frack (Filip Pawlak), der jede Nummer als Weltsensation ankündigt. Das Spiel und die Darstellung wirken im Magischen Realismus der Inszenierung vielleicht als Sensation, wenn aber, ziemlich aus der Welt gefallen.

Im dunklen Licht sind die Schemen einer als Kostüm getragenen überdimensionalen Rose zu sehen. Darüber ist der Kopf der Performerin zu erkennen.
Nadia Markiewicz im surreal anmutendes Rosenkostüm. Foto: Holger Rudolph

Für die klassische Freakshow der Vergangenheit war das Zurschaustellen von Behinderungen zentral; das war es, worum es letztlich ging. Menschen mit Behinderungen wurden als lächerliche oder auch bedauernswerte Kreatur dargestellt, die zur allgemeinen Rührung einfachste Kunststückchen auszuführen sollte. Die Pointe von Freak Show von Ronduda Filip Pawlak ist jedoch gerade, dass das klassische Zurschaustellen, Lächerlichmachen, aber auch das Hervorrufen von Mitleid ironisiert wird. Die künstlerische Leistung wird nicht trotz der Behinderung erbracht, vielmehr ist die Behinderung für das Dargebotene völlig irrelevant. Mehr noch: Das ableistische Blickregime auf die Körper wird hinterfragt, wenn Rodins „Denker“ die Livekamera auf das Publikum richtet und es sich selbst auf dem Screen auf der Bühne projiziert findet. Damit wird die Erwartungshaltung des Publikums selbst zur Schau gestellt und zum eigentlichen Thema. Die historische Zuschreibung durch den ableistischen, schaulustigen Blick auf die Normabweichung wird sich von Freak Show angeeignet, ironisiert und vorgeführt. Die Performance fordert das Publikum heraus, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen und sich mit den eigenen Vorurteilen über behinderte Körper auseinanderzusetzen: Wer ist hier eigentlich das Objekt der Betrachtung – und wer derjenige, der betrachtet? Wer ist der „Freak“?

Das eigentlich Verstörende an Freak Show ist dabei nicht das vermeintlich Fremde, es ist der eigene Blick darauf. Spätestens beim Hinausgehen wird klar: Das Publikum war die ganze Zeit Teil der Performance. Eine großartige Leistung des Stücks: Blickregime und die historischen normativen Ausschlüsse in den Fokus zu nehmen, ohne sie auch nur anzusprechen.