Kompositum der Verständigung

Scheinwerfer tauchen den Theatersaal in ein Meer aus rotem Licht. Rauch wandert von der Bühne hinunter in den Zuschauerraum wie Nebel, der in einer kalten herbstlichen Nacht durch die Straßen der Stadt zieht. Ein donnernder Lärm hallt durch den Saal, der die Bühne zum Vibrieren bringt.

Auf der Bühne dreht sich ein riesiger, in Räume unterteilter Würfel, auf den das flackernde Bild eines Wohnhauses projiziert wird. Zwei Zimmer und eine U-Bahnhaltestelle finden darin Platz und werden zum Schauplatz der Handlung. Zoey (Paula Winteler) wohnt hier zur Miete. Ein Paar Plüsch-Pantoffeln und ein Haufen pinkfarbener Zettel liegen neben dem Stuhl auf dem Boden. In der rechten Ecke des Zimmers steht eine kleine Musikanlage. Neben Zoey wohnt die Taube Nachbarin Trisha (Athena Lange). Sie liegt auf einem kleinen klappbaren Bett und liest.

Zwei Personen sitzen an einem Tisch, drei weitere mit auffälligen weißen Haarfrisuren stehen links, an der rechten Wand und im angrenzenden Flur. Auf dem Boden liegen Kleidungsstücke, links steht eine Topfpflanze.
Nicht nur Gentrifizierung, auch noch Geister bedrohen das Zusammenleben von Zoey und Trisha in „Altbau in zentraler Lage“. Foto: Rolf Arnold

Als neuerlich die Haltestelle – ausgestattet mit drei gelben Sitzen und einer Überwachungskamera und dem Schriftzug „NDSTATION“ sich in den Blick des Publikums dreht, sitzen drei Geister (Sonja Isemer, Eyk Kauly, Samuel Sandrieser) auf den Stühlen und vollziehen schleichend langsam Bewegungen, die einem Tanz gleichen, während klassische Musik im Hintergrund läuft. Die extravaganten Kostüme der Gespenster von Heta Multanen – helle Strumpfhosen, rosafarbene Rüschen, weiße Perücken und blasses Make-up – erinnern an das 19. Jahrhundert, in dem das Wohnhaus erbaut wurde.

Aus diesem sollen Zoey und die übrig gebliebenen Mieter*innen von gleich zwei Partien vertrieben werden. Zum einen durch Geister, die zu Lebzeiten selbst von ihren Vermietern aus dem Haus vertrieben wurden, und nachts mit lauter, schaurig-schriller Musik durch die Wohnungen spuken. Zum anderen von den neuen Besitzern des Hauses, die das Gebäude sanieren und den Wohnraum teurer vermieten wollen. Die Briefe der Hausverwaltung ignoriert Zoey und schiebt so das Problem vor sich her.

Den nächtlichen Lärm kann Zoey jedoch nicht ignorieren. Sie spielt Techno-Musik, deren durchdringende Bässe die Geister vorübergehend vertreiben. Die Musik verbindet klassische Musik mit modernen Techno-Sounds – beides populäre Musikrichtungen der zwanziger Jahre verschiedener Jahrhunderte.

Doch der durchdringende Bass lässt die Wände in Trishas Wohnung vibrieren und reißt so die junge Konditorin von nebenan aus dem Schlaf. Es ist nicht die beste Grundlage für den ersten Kontakt der beiden Protagonistinnen: Trisha stürmt empört in Zoeys Wohnung und verlangt von ihr, die Musik auszuschalten. Zoey realisiert zunächst nicht, dass Trisha nicht hört. Statt dann aber, wie von Trisha vorgemacht, einen Zettel und Stift zur schriftlichen Verständigung zu nutzen, gestikuliert Zoey wild vor sich her. So erklärt sie ihren Beruf als Runner in einem Club, indem sie laut rufend in ihrer Wohnung hin und her rennt. Trisha guckt sie fragend an. Trotz schwierigen Anfangs entwickelt sich eine liebevolle Freundschaft, die durch den Kampf gegen die Geister und die Hausverwaltung immer enger wird. Doch Schaueroper bleibt Schaueroper und die Geister und die Gentrifizierung gewinnen: Die bedrohliche Realität der Wohnungsnot gipfelt für Zoey schließlich in Obdachlosigkeit.

Wartehalle mit gelben Sitzschalen, gekachelter Wand und zwei Betonsäulen: Links sitzt eine grünhaarige Person in schwarzer Kleidung. Rechts stehen zwei Personen mit roten Kurzhaarfrisuren und rosa Blusen eng nebeneinander in einem gemeinsamen weißen Faltenrock.
Eine Inszenierung, mehrere Sprachen. Foto: Rolf Arnold

Die Verständigung zwischen den Freundinnen entwickelt sich im Laufe des Stücke aber stetig weiter: Sie schreiben auf Zettel, tippen auf Handys und nutzen eine Mischung aus Laut- und Gebärdensprache. Das Besondere hierbei ist, dass weder alle gesprochenen Sätze noch die Gebärdensprache durchgehend übertitelt oder übersetzt werden – von den Geistern, die einen Hang zu Wagner haben, alle Konversationen auch mit dem Hausmeister, dem Hauseigentümer und schließlich, der Kontakt zwischen Trischa und einer eigens einbestellten Geisterjägerin.  Es entsteht eine außergewöhnliche Komposition der Verständigung, an der die Schauspielerin Athena Lange als Co-Autorin mitgewirkt hat. Es macht deutlich, dass Taube Schauspieler*innen und Publikum in der Inszenierung von Salome Schneebeli und dem Text von Raphaela Bardutzky von Anfang an mitgedacht und nicht erst in ein fertiges Stück integriert wurden.