Ein Mann mit hellgrünen, streng zurückgegelten Haaren (Sebastian Urbanski) betritt die Bühne. Er trägt ein Kleid in der gleichen Farbe – vom Schnitt an ein Krankenhaushemdchen erinnernd. Langsam läuft er nach vorn, bleibt kurz vor der Bühnenkante stehen und beginnt zu proklamieren: „Herzlicht willkommen!“, „Herz! Licht!“ oder „Will-kommen ist, was kommen will“.
So beginnt FX Mayrs Inszenierung von Nele Stuhlers Text Leichter Gesang, den sie zusammen mit Ensemblemitgliedern des Deutschen Theaters Berlin und des RambaZamba Theaters entwickelt hat. Ein Text mit Hang zum Absurden, der sich über Assoziationsketten entspinnt und so ein Angebot zur Reflexion von Sprache und daraus entstehender (mitunter nicht immer eindeutiger) Kommunikation schafft.

Die Inszenierung greift dabei immer wieder surreale Ideen im Text bildlich auf und versucht sich damit auch in der Wiederbelebung des Dadaismus. So schafft das Kostümbild von Korbinian Schmidt – weit geschnittene Kleider in verschiedenen Farben, kontrastiert durch weiße Tennissocken und schwarze Schlappen – Kunstfiguren, die sich zwischen abstrakten Farbflächen, Außerirdischen und Kinderfiguren à la Teletubbies bewegen. Unterstützt wird der Eindruck durch das Maskenbild, das die Farbgebung des Kostüms aufgreift und in Form von gefärbten Haaren und bunten Flächen an Stirn und Wangenpartie fortsetzt.
Die spartanische Gestaltung des Bühnenbildes von Anna Wohlgemuth, die, außer einer ca. zwei Meter breiten, weißen Wand auf der rechten Seite, nur aus einer zentral aufgehängten Projektionsfläche für die Übertitelung und einem Gitter als Aufhängung für Leuchtröhren besteht, bietet den Darstellenden genug Platz für lebhaftes Spiel. Auch Requisiten werden nur sparsam eingesetzt. Allein ein mal zwei Meter großes, schwarzes Brett schafft es mehrfach auf die Bühne. Je weniger Mittel, desto mehr Textlust.
Dieses Brett wird als Versinnbildlichung des Textes immer wieder umgewidmet. Von Anil Merickan bespielt, stellt es eine „Tür“ dar, , die sich stets mit den Worten „kvietschi, kvietschi, kvietschi“ öffnet. Im Verlauf entwickelt es sich dann auch zum Tisch. Denn: „Lieg Tür ist Tisch“, wie es im Text heißt. Mit dem Text entsteht eine Welt auf der leeren Bühne und mit dem Text wird die Welt erfahrbar, durch Sprache begreifbar, benannt, problematisiert und verzerrt.
Die Kostüme sind genau so bunt wie die musikalische Gestaltung (Matija Schellander). Hier gilt: Nomen est omen. Es wird gesungen und in bester dadaistischer Tradition persifliert, wenn Caner Sunar im Duett mit seiner eigenen Aufnahme im Falsett Offenbachs „Barcarolle“ aus der Oper „Les contes d’Hoffmann“ darbietet. Nur, dass es nicht wie im Original um die Beschreibung einer Nachtsituation in Venedig geht, sondern um das Bauen eines Bettes. Neben wiegenden 6/8-Klängen erklingen tanzbare (und vertanzte) Reggaeton-Beats und Spieluhrmusik, die das Kindlich-Spielerische der Inszenierung untermalt.

Die ganze Inszenierung fokussiert sich darauf, den Text zu unterstreichen, ohne dabei den Fokus zu verwischen. Der Abend entwickelt sich von Wortspielereien und Bedeutungsverschiebung durch Betonungsverschiebung hin zu einem kaum verständlichen Kauderwelsch und führt so grundlegende Diskurse um Sprache vor. Mit fortschreitender Zeit wird die Arbitrarität von Sprache immer deutlicher: Über allmähliche Verfremdung von Lautbildern und die Verwendung von neuen Signifikanten mit Signifikaten, die allen bekannt sind, verdeutlicht die Inszenierung, dass Kommunikation letztlich auf Konvention aufbaut, diese jedoch nicht unveränderlich ist.
Die sprachliche Konstruktion wird an vielen Stellen konkret problematisiert. So wird offensichtlich, dass Sprachverständnis immer von den Erfahrungen der Beteiligten abhängt, wenn nach einer Diskussion über den Unterschied zwischen einem Bus und dem Bild eines Busses ein echter Bus gefordert wird.
Sprache wird hier zu etwas Lebendigem und als veränderbar erkennbar. Die Inszenierung gibt sprachlichem Spiel Raum und macht dieses dem Publikum erfahrbar – ein Abend, der seiner Gestaltung nach darauf abzielt, Sprache und ihre Sinnzusammenhänge außerhalb einer Selbstverständlichkeit zu erleben.