Wir leben

Ein Bett im Bahnhofsviertel – und eine Geschichte, die einen kalt erwischt © Sophie Nathan

So gemütlich bleibt’s nicht lange: In der Privatwohnung im Mainzer Bahnhofsviertel herrscht vor Einlass eine beinahe heimelige Atmosphäre, Schuhe aus, ab aufs Sofa, Tee und Karottenkuchen gibt es auch. Die Stimmung ändert sich allerdings bald: Im Schlafzimmer sitzt das Publikum beengt auf Sitzkissen halbkreisförmig um ein Bett, in dem sich der britische Performer the vacuum cleaner unter der Decke räkelt. Es ist unangenehm warm, die Luft stickig. the vacuum cleaner taucht mit geschlossenen Augen auf, atmet ruhig, fokussiert auf sich selbst.

“Mental” heißt der kurze, intensive Abend, der bei Grenzenlos Kultur gastiert. Die Erzählung von the vacuum cleaner beginnt 1999 in einer psychiatrischen Klinik, in der er ein Jahr seines Lebens verbringt; depressiv, mit Drang zur Selbstverletzung und Suizidgedanken. Seine Schilderungen füllen den Raum; er scheint noch schwerer zu atmen.

Begleitet von Folien – meist Polizeiakten und psychiatrischen Gutachten –, die er mit einem Overhead-Projektor auf die Wand hinter dem Bett projiziert, unterlegt mit Musik, führt the vacuum cleaner durch sein Leben, seine Gefühle.

Als Aktivist setzt er sich unter anderem gegen Großkonzerne und den G20-Gipfel in London ein. Das macht in lebendig. Seine Haltung unterstreicht er gegen Ende der Performance, in dem er sein blaues Strickkleid hochzieht und seinen Rücken preisgibt: THIS CIVILISATION IS FUCKED. Narben, Lettern, bewusst gewählt und offen präsentiert. Zusammen mit den feinen Linien auf seinen Unterarmen erzählen sie die Geschichte einer Diagnose: Borderline. Die Ambivalenz zwischen wahnsinnig laut und unglaublich leise, dem Schmerz und dem Glück, die einer Entscheidung für das Leben innewohnen. „This was my moment“ – dieser Satz fällt immer wieder. Es geht um den Moment, in dem sich the vacuum cleaner sicher ist, dass der Tod der glückliche Ausweg und die eigene Bedeutung im eigenen Ende zu finden ist. Es macht traurig, ihn selbstironisch von misslungenen Suizidversuchen erzählen zu hören: „This was not my method.“.

Nach einigen Jahren setzt er sich im Frühjahr 2005 ein Ultimatum, gibt sich allerdings noch Vorlaufzeit, die Abwärtsspirale zu durchbrechen. Aber er schafft es nicht. An seinem festgelegten Finaltag geht er noch ein letztes Mal in den Supermarkt und kauft sich ein Stück Karottenkuchen.

Ich kann meinen danach nicht mehr weiteressen.

Im Laufe der Performance entleert er eine Kiste auf dem Bett und sitzt von da an inmitten eines Berges aus Medikamenten, die er gegen die einzelnen Symptome, Nebenwirkungen und deren Nebenwirkungen nehmen musste. Erst gegen Ende der Erzählung, seiner Lebensgeschichte, erhält er seine Diagnose. Eine Diagnose, die bereits in einer Akte der psychiatrischen Einrichtung von 1999 herauszulesen war, aber in dem Wust aus Observation und Gutachten untergegangen ist.

Dieser Abend rückt einem auf die Pelle. Seine Erzählungen, die Bilder, seine Gefühle. Emotionaler Voyeurismus; allerdings erwünscht. Seine Lebensgeschichte beeindruckt, sein psychischer und emotionaler Werdegang imponiert.

Am Schluss schaut er in die Runde; sieht jedem Einzelnen in die Augen. Es schwingt ein Gefühl der Verbundenheit mit: Wir haben es beide bis hierhin geschafft, ganz unabhängig von unseren Situationen. Wir leben.