Das Leben als Teppich-Tibet

Ein Garderobenständer, ein Tisch, ein Stuhl und ein Glas – mehr braucht die szenische Lesung nicht. Else Lasker-Schüler betritt den Raum nicht erst mit dem Gang auf die Bühne.

Schon während Yulia Yáñez Schmidt durch das Publikum läuft, wird sie zu Else. Die räumliche Nähe macht aus der historischen Figur von Beginn an eine greifbare Dichterin.

Eine Frau steht im Scheinwerferlicht auf einer dunklen Bühne und liest aus mehreren Papierseiten. Neben ihr stehen ein kleiner runder Tisch mit Wasserflasche und Glas sowie ein Stuhl; über der Szene leuchten einzelne Bühnenlampen.
Ein Garderobenständer, ein Tisch, ein Stuhl: Mehr braucht es nicht für „Mein buntes Herz“. Foto: Holger Rudolph

Im Rahmen des Festivals widmet sich „Mein buntes Herz“ von Yulia Yáñez Schmidt und Georg Kasch der Dichterin Else Lasker-Schüler. Nicht chronologische Biografie, sondern Gedichte, Briefe und Postkarten verwebt der Abend mit biografischen Episoden. So entsteht nach und nach das Mosaik einer Person, deren Leben und Kunst nicht voneinander zu trennen sind. Programmatisch dafür steht ihr ikonisches Gedicht „Ein alter Tibetteppich“, das Yáñez Schmidt zu Beginn des Abends rezitiert und dessen poetologisches Verfahren des Verwebens selbst zu dem des Abends wird.

Geboren am 11. Februar 1869 als Elisabeth Schüler in Elberfeld, gestorben am 22. Januar 1945 in Jerusalem, gilt sie als eine der größten Dichterinnen des Expressionismus – sie habe die Lyrik quasi im Alleingang vom Symbolismus in den Expressionismus geführt, wie Yáñes Schmidt sagt.

Aber immer wieder stellt sich die Frage: Wer war Else Lasker-Schüler eigentlich? Dichterin, Dramatikerin, Zeichnerin, Tochter, Schwester, Ehefrau, Mutter, Freundin, Nachbarin, Bekannte, „Prinz Jusuf von Theben“. Eine eindeutige Antwort gibt die Inszenierung nicht und genau darin liegt ihr Reiz. Lasker-Schüler scheint sich selbst immer wieder neu erfunden zu haben und entzieht sich damit festen Zuschreibungen.

Gleichzeitig zeigt die Inszenierung Lasker-Schülers politische Seite. Deutlich wird, dass ihr politisches Engagement nicht losgelöst von ihrem Privatleben betrachtet werden kann. Das zeigt sich etwa in ihrer Beziehung zu einer Freundin, die als „geisteskrank“ gilt und schließlich von ihrem eigenen Ehemann entmündigt und in einer damaligen „Heilanstalt“ eingesperrt wird. Dabei wird schnell klar, dass hinter dieser Ausgrenzung keine Diagnose steht, sondern materielle Abhängigkeit und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Die Dichterin stellt sich dem entgegen und nutzt ihre Stimme, um für ihre Freundin einzutreten. Ihre Beziehungen zu  ihren Freund*innen wird zum Ausgangspunkt für Widerstand gegen gesellschaftliche Ausgrenzung. Auch die nationalsozialistische Judenverfolgung nimmt die Künstlerin früh und hellsichtig wahr, ist selbst zur mittellosen Flucht in die Schweiz gezwungen und stirbt schließlich im damaligen Palästina.

Unterstützt werden die verschiedenen Blicke auf Lasker-Schüler durch die unterschiedlichen Materialien, aus denen sich der Abend zusammensetzt. Texte über sie ergänzen sich mit Texten von ihr, zeigen ihre Persönlichkeit und ihre Facetten, die sich einer eindeutigen Zuschreibung verweigern. Getrennt werden verschiedene Lebensphasen durch einfache Kostümwechsel. Mit dem Anlegen einer Krawatte oder eines Mantels mit überlanger Schleppe, mit dem Aufsetzen einer Gebetsmütze, begleitet von eingespielter Flötenmusik, verwandelt sich Yáñez Schmidt gemeinsam mit der Figur.

Besonders charmant wird es, als die Schauspielerin eine Person aus dem Publikum auffordert, für sie aufzustehen, damit sie ein Gedicht auf deren Stuhl vortragen kann. Hier entsteht elegant ein expressionistischer Salon. Der kurze Moment wirkt zunächst spielerisch, spiegelt aber zugleich Yáñez Schmidts Spiel wider. Sie nimmt sich den Raum und macht Lasker-Schüler als unangepasste Künstlerin nahbar und plastisch.

Eine Frau im dunklen Mantel mit Pelzkragen liest auf einer schwach beleuchteten Bühne aus einem Blatt und gestikuliert. Im unscharfen Vordergrund stehen ein brennendes Teelicht und ein Glas auf einem Tisch; rechts rahmt eine vertikale Reihe blaugrüner Bühnenlichter die Szene.
Yulia Yáñes Schmidt als Else Lasker-Schüler – plastisch und facettenreich. Foto: Holger Rudolph

Lasker-Schüler wird als große Dichterin, als aufopferungsvolle Mutter für ihren Sohn Paul, als politische Aktivistin und vor allem als Liebende porträtiert. In ihr Märchenreich als Konglomerat verschiedener Religionen, kolonialer Vorstellungen und Fantasie lud sie immer wieder ihre Freund*innen ein, gab ihnen Rollen und fand so einen Ort der gemeinsamen Sehnsucht.

Besonders interessant ist, wie gegenwärtig ihre Fragen zur Selbstinszenierung mehr als achtzig Jahre nach dem Tod der Künstlerin noch wirken. Der Abend macht kurzweilig und elegant nicht nur Werk und Biografie erlebbar, er verweist auch auf Ausschlüsse und Bedingungen der Selbsterzählung: Wer bestimmt, welche Identitäten wir annehmen? Welche Identitäten sind heute wie vor 100 Jahren bedroht? Und wie viel Freiheit bleibt, wenn gesellschaftliche Zuschreibungen festlegen wollen, wer wir sind?