Gemeinschaft im chaOs

Wenn ihr das Stück in jeweils drei Wörtern beschreiben müsstet, welche wären das? 

Till Krumwiede: Kraftvoll, Spannung und sehr intensiv.

Tim Gerhards: Sehr erdig, sehr kämpferisch und strukturierend.  

Ihr spielt das Stück seit 2024. Wo wart ihr damit schon unterwegs, und was ändert sich von Bühne zu Bühne? 

Till Krumwiede: Wir waren in Cardiff, Wismar, Kaiserslautern, Regensburg, Mainz und in Bremen bei „La Strada“. Es kommt immer auf die Bühne an. In Cardiff hatten wir eine ganz kleine Bühne, da musste man sich viel Zeit lassen.

Tim Gerhards: Die Raumgröße ändert viel – ob wir drinnen oder draußen spielen. Heute war die Fläche groß. Da muss man einfach mehr rennen, was noch anstrengender ist.

Ein Tänzer hält einen anderen Tänzer auf Höhe der Oberschenkel über seinen Kopf. Der Bühnenraum ist duster, nur grün-gelbem beleuchtet.
Körperlich in der Katastrophe: „chAOs“ von Tim Gerhards und Till Krumwiede. Foto: Holger Rudolph

Eure Inszenierung ist sehr körperlich, anstrengend und hat ein hohes Tempo. Wie fühlt sich das auf der Bühne für euch an, wenn ihr euch so verausgabt?

Till Krumwiede: Wir sind danach wirklich komplett am Ende. Aber es fühlt sich gleichzeitig sehr gut an. Bei der Musik gibt es bestimmte Cues, auf die man gut hören muss, um zu wissen, was als Nächstes kommt. Das ist schon ziemlich anstrengend.

Tim Gerhards: Wir behandeln in der Arbeit eine Katastrophe und die daraus entstehenden Konflikte zwischen denen, die überleben. Im Stück gibt es diesen Moment: Wir sind schon zehn Minuten gerannt, dann kommt Till angesprungen, ich fange ihn auf und wir rennen direkt weiter in die Choreografie. Diese Dringlichkeit hat etwas extrem Geiles – dieses Gefühl: „Das muss jetzt sein!“ Aber es ist hart.

Die Klimakatastrophe ist ein sehr abstraktes Thema. Wie kamt ihr auf die Idee, das mit Tanz zu verbinden?

Tim Gerhards: Im Sound ist es direkt spürbar – wir haben den Sandsturm am Anfang und das Gewitter in der Mitte. Was gut funktioniert, ist das sichtbare Ringen mit Einflüssen, die wir nicht kontrollieren können. Eigentlich fängt das Stück an und es ist schon alles scheiße.

Till Krumwiede: Ich mag es total gerne, zu dem Thema zu tanzen und gemeinsam zu choreografieren.

Ihr kämpft auf der Bühne gegeneinander. Warum kämpft ihr – ist das rein choreografisch oder steckt mehr dahinter?

Till Krumwiede: Eigentlich kämpfen wir nie, aber in diesem Stück schon, weil einfach diese enorme Anspannung da ist.

Tim Gerhards: Die Situation spitzt sich zu: Wir müssen immer weiter, selbst wenn es regnet. Ich will weiter, du willst nicht mehr – daraus entsteht dieser Konflikt. Den hätten wir nicht, wenn sonst nicht alles kacke wäre.

Was wünscht ihr euch vom Publikum?

Till Krumwiede: Das Publikum soll mitfühlen, wie elend wir aussehen und wie wir an der Klimakatastrophe kaputtgehen.

Tim Gerhards: Ich finde es toll, wenn die Leute erzählen, dass sie richtig eingesaugt wurden. Wir haben ja ein sehr reduziertes Setting – kein Bühnenbild, wenig Licht. Wenn es gelingt zu verdeutlichen, dass wir uns in einer krassen Krisensituation befinden, schafft das vielleicht Aufmerksamkeit für das, was man verändern kann, wenn man sich der eigenen Verantwortung bewusst wird.

Eure Bewegungen erfordern viel Vertrauen. Habt ihr manchmal auch Angst? 

Tim Gerhards: Unsere Arbeit ist ein permanentes Miteinander, das wir auch handwerklich brauchen. Wir achten darauf, auf Augenhöhe zu sein und gemeinsam ein Sensorium zu schaffen. Das ist jedes Mal harte Arbeit.

Till Krumwiede: Wir machen meistens zwei Durchläufe. Wenn einer nicht klappt, feilen wir weiter, bis es sitzt.

Wie ist es für dich, Till, dir alles selbst auszudenken und gleichzeitig zu tanzen?

Till Krumwiede: Es macht Spaß und es ist anstrengend. Besonders Spaß macht das gemeinsame Choreografieren. Schwierig sind manchmal die Musik-Cues. Wenn ich mir eine Choreografie überlege, gehe ich von einem Thema aus, aus dem dann Schritt für Schritt der Tanz entsteht. Der Kopf merkt sich das meistens sehr gut.

Welche Rolle spielte Jenny Ecke als dramaturgische Unterstützung? 

Till Krumwiede: Es ist sehr wichtig, eine Person zu haben, die von außen draufschaut, damit wir eine klare Orientierung bekommen. Das macht Jenny.

Ein Tänzer hält einen anderen Tänzer auf Höhe der Oberschenkel über seinen Kopf. Der Bühnenraum ist duster, nur grün-gelbem beleuchtet.
In der Apokalypse hilft Gemeinschaft, finden Tim Gerhards und Till Till Krumwiede. Foto: Holger Rudolph

Wenn ihr statt zu tanzen nur einen einzigen Satz sagen müsstet – oder kurz ausdrücken müsstet, worum es in eurer Arbeit geht –, was wäre das? 

Tim Gerhards: Pina Bausch hat einmal gesagt, dass sie nicht in Worte fassen kann, was sie in ihren Stücken macht – sonst müsste man ja nicht tanzen. Aber es hat auf jeden Fall mit Gemeinschaft zu tun.

Till Krumwiede: Ja, Gemeinschaft.