Ein Festival im Festival

Während auf dem Tritonplatz vor dem Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz das Weinfest Menschen aus Mainz und der Umgebung verköstigt, treffen sich in der Kakadu Bar professionelle Theaterschaffende aus ganz Europa zum Showcase im Rahmen von „Grenzenlos Kultur“. Ein Festival im Festival. Und hier wird an zwei Tagen Kultur wirklich grenzenlos.

Nach der Ankunft und Akkreditierung am Freitag geht es am Samstagvormittag mit einer Vorstellungsrunde los. Angereist sind Künstler*innen, Theaterleitungen und künstlerische Verbündete aus Großbritannien, Irland, Spanien, der Schweiz, Luxemburg, Frankreich und Polen sowie aus allen Ecken Deutschlands. Sie besuchen nicht nur alle Vorstellungen am Wochenende, sondern pitchen auch ihre eigenen Produktionen und haben Zeit für den Austausch über Netzwerke, Best-Practice-Beispiele und Ideen für die Zukunft.

„Die Idee zum Showcase kam von Christina Schelhas“, Ko-Leiterin von „Grenzenlos Kultur“, sagt Yulia Yáñez Schmidt, Schauspielerin und Teil des Kurationsteams, im Gespräch. „Hierbei ging es vor allem darum, eine Plattform für die zahlreichen, tollen Produktionen zu schaffen – wir können leider nicht alle einladen“, ergänzt sie.

Ein Laptop mit einer Präsentationsfolie zum Stück „Vignette(s) – Catalyse“ im Vordergrund; dahinter sind eine braunhaarige Frau am Mikrofon und ein unscharf erkennbares Publikum bei einer Veranstaltung abgebildet.
Präsentationen, Pitches, Publikum: Der internationale Showcase bei „Grenzenlos Kultur“ schafft Netzwerke und Verbindungen. Foto: Holger Rudolph

Nach einer Kaffeepause stellen zunächst die Künstler*innen und Produzent*innen aus dem deutschsprachigen Raum ihre Produktionen vor, die bereit sind auf Tour zu gehen: „Bauchgefühl“ vom Theater Thikwa und hannsjana; „ZER-BRECH-LICH“, choreografiert von Alessandro Schiattarella, uraufgeführt beim Festival Theaterformen; „Die leerstehenden Häuser“ vom Theater HORA aus Zürich. Daneben präsentieren die Kollektive baff und [in]operabilities sowie das FreiRaum Theater ihre Arbeiten. Und das auf äußerst verschiedene Arten: mittels PowerPoint-Präsentation, Fotos, Videos und, im Falle der „Heidi“-Adaption des FreiRaum Theaters, sogar mit Puppenspiel und Stückausschnitt, in dem Heidi, der Ziegenpeter und die mitgebrachte Ziegefigur auftreten und vom Hotelbuffet in Mainz schwärmen. Auch hier besteht großes Tourinteresse: Der Großvater möchte gern mal die Berge verlassen und ebenfalls das leckere Hotelbuffet probieren.

„Mit den Pitches verbinden wir für die deutschsprachigen Produktionen vor allem die Hoffnung, dass sie zu internationalen Gastspielen eingeladen werden“, erklärt Yáñez Schmidt. So sehen die internationalen Gäst*innen am Auftaktwochenende des Festivals auch eine Vorstellung der hauseigenen Mainzer Produktion „Schlagerträume“.

Nach einer kurzen Pause stehen die internationalen Pitches auf dem Programm. Auch hier sind die Verfahrensweisen der Kurzpräsentationen so vielfältig wie die Stücke. Von Tanz bis Musiktheater reichen die Genres, von Ensemblestücken bis zu Solos. Die Themenvielfalt ist riesig und die ästhetischen Zugriffe abwechslungsreich. Von Tanzstücken zur Frage, wer berechtigt ist, kulturelles Erbe weiterzugeben, wie im Fall von „Vignette(s) – Catalyse“ vom CNCA Morlaix, über autobiografische Arbeiten zum Körper wie „Ephemeral Body“ von Valasia Simeon oder „A Hot Chick in the Oven“ von Victoria Antonova bis hin zu installativen und immersiven Arbeiten wie „Human’s Move“ von Hijinx oder „Dignity“ von Teresa Deevy, Amanda Coogan, Lianne Quigley und Alvean Jones in Zusammenarbeit mit dem Dublin Theatre of the Deaf, um nur eine Auswahl zu nennen.

Doch es geht um mehr als die konkreten Arbeiten, sagt Yáñez Schmidt: „Man merkt bei solchen Anlässen wie einem Festival, dass es einen großen Wunsch und das Bedürfnis danach gibt, sich auszutauschen. Alle dürsten nach Community.“

Und so gibt es außer den Pitches und der Möglichkeit, alle Vorstellungen des Festivals am Wochenende zu sehen, auch genug Zeit für Austausch, Vernetzung und Gespräche. Hier werden Erfahrungen, Best-Practice-Beispiele und Kontakte ausgetauscht.

Victoria Antonova, eine blonde Frau mit kurzem Haarschnitt und einer Brille spricht vor sitzendem Publikum und präsentiert auf einer Leinwand ihre Solo-Performance „A Hot Chick in the Oven“.
Die Präsentation von „A Hot Chick in the Oven“ von Victoria Antonova beim Showcase. Foto: Holger Rudolph

Dabei ist die internationale Perspektive besonders wichtig, sagt Yulia Yáñes Schmidt „Wir sind in Deutschland gewohnt, Förderstrukturen zu haben, uns untereinander zu kennen und Netzwerke zu haben. Im internationalen Kontext ist man mit einer anderen Förderlandschaft oft sehr allein, wenn man inklusive Theaterarbeit macht. Da leisten viele internationale Künstler*innen und Kollektive echte Pionierarbeit.“ Und wie praktisch diese Netzwerke sein können, zeigt sich direkt in der offenen Fragerunde, wie Yáñez Schmidt erzählt: „Es gab die Idee, dass die Menschen, die die gepitchten Produktionen schon gezeigt haben, von ihrer Erfahrung damit erzählen könnten. Und dann war auf einmal klar: Ich habe das Material noch, wenn ihr die Produktion für euer Festival, zum Beispiel in UK einladen wollt, gebt mir Bescheid, ich schicke es euch und wir alle sparen Zeit und Geld.“

Was das Kurationsteam aus dem Wochenende mitnimmt? Es braucht viel mehr solcher Orte für Austausch und Begegnung für alle, um Lösungen auf kurzen Wegen zu finden und, um sich in der Arbeit weniger allein zu fühlen.