Isolation und Verausgabung

Kristine Oma tanzt – drinnen … Foto Holger Rudolph

“Karantena #millionsmissing” – ein intimer Einblick in das Leben einer Künstlerin der Isolation:  “There and then and then leave or nothing”

Die Tänzerin im hellen Kleid öffnet sämtliche Türen, Garderobe und Sicherungskästen eines Wohnungsflurs, um sich dahinter zu verstecken. Dabei wirft sie jedoch immer wieder einen Blick zur Kamera. Sie hangelt sich an den Wänden und Türen ihres Flures entlang – wobei sie ihren gesamten Körper anspannt. Währenddessen sind verzerrte Tonsequenzen zu hören, die immer wieder kurz stoppen, um erneut, oftmals in anderer Tonhöhe, einzusetzen. Die Bewegungen der Tänzerin verlaufen und stoppen parallel zu den stockenden Tonsequenzen.

Die Tänzerin, Kristine Nilsen Oma zeigte ihre Performance „Karantena #millionsmissing“ im Rahmen des Grenzenlos Kulturfestivals per Youtube-Livestream. Kristine Oma ist chronisch krank. Sie leidet an ME (Myalgische Enzephalomyelitis). Aufgrund ihres chronischen Erschöpfungssyndroms und der Corona Pandemie lebt sie isoliert von der Außenwelt in ihrer Wohnung im norwegischen Bergen.

In “Karantena #millionsmissing” tanzt die ausgebildete Ballettänzerin in ihren privaten Räumen und beschert uns einen intimen Einblick in ihr Leben. Sie selbst ist hierbei Choreografin, Tänzerin und Kamerafrau. Die Performance ist in drei Teile gesplittet. Beginnend mit ihrer Tanzperformance, gewährt sie uns Zuschauenden anschließend unmittelbar einen Einblick in ihre Lebensrealität und ihr Empfinden, indem sie die Zuschauenden direkt anspricht. Oma beendet diese emotionale Arbeit mit einem Videoclip, der sie im Regen tanzend in der Natur zeigt.

Vom Flur aus nimmt uns Oma mit in ihr Wohnzimmer. Sie platziert die Kamera so, dass wir einen Ausschnitt von diesem erkennen. An der Wand hängt ein Bild, auf dem sie selbst zu sehen ist. Oma beginnt ihre Beine gegen die Wand zu stemmen und bewegt sich kraftvoll gegen diese räumliche Begrenzung. Nachdem sie angespannt und unter sicht- und hörbarer Anstrengung ihren Körper windet, den Kopf vor und zurückwirft, lenkt sie die Blicke der Zuschauenden durch ihre Kameraführung in eine Ecke des Raumes. Zu sehen ist ein Paar Highheels. Mit ihren nackten Füße formt sie Bewegungen, die stark an traditionelles Ballett-Vokabular erinnern, allerdings nicht von Leichtigkeit geprägt sind, sondern vielmehr von Kraft, Verkrampfung und Aggression. Dies äußert sich auch, als sie nun mit ihren Händen auf ihre Schienbeine und Oberschenkel schlägt und sich in ihr eigenes Fleisch kneift.

Die Stimmung der Performance wandelt sich deutlich, als die Performerin dicht an die Linse der Kamera tritt und direkt in diese blickt – Kontakt zu den Zuschauer:innen aufnimmt. Sie heißt uns Willkommen in ihrer Welt und ihrem Alltag. Denn in ihrer Performance sucht sie auch den Kontakt zu den Zuschauenden, zur Außenwelt, um von ihrer Lebensrealität zu berichten. Sie spricht nicht nur über ihre neurologische Erkrankung, über die Erschöpfung, die sie 18 bis 22 Stunden täglich an das Bett fesselt, sondern auch über die Isolation, die für sie seit zehn Jahren Alltag ist, eine Situation, die sich durch die Pandemie noch verstärkt hat.

Die 30-minütige Performance verdeutlicht Themen wie Isolation, völlige Verausgabung, Ausweglosigkeit und die damit einhergehenden Wut, sie erzählt von Aggression und Selbstverletzung. Kristine Bewegungen, ihr schweres Atmen und ihre Stimme vermitteln eine Vorstellung der Emotionen, die sie durch ihre chronische Erkrankung durchlebt. Dennoch kommen auch ihre beeindruckende physische und psychische Kraft und Stärke zum Ausdruck.

Frau in schwarzer Kleidung und mit Regenschirm tanzt am Meer
… oder draußen. Foto: HolgerRudolph

Kristine Nilsen Oma betont gegen Ende des Streams: “I am one of the millions missing” – sie sei eine von den Millionen, die fehlen, die nicht gesehen werden, die in keinem gesellschafltichen Kontext vorkommen aufgrund von ihrer krankheitsbedingten Isolation. Durch ihre direkte Ansprache und den zuletzt eingeblendeten Clip, der sie tanzend in der Freiheit zeigt, macht sie auf ME und die vielen Betroffenen aufmerksam. Dennoch betont sie auch, dass ihre Situation schlimmer sein könnte, aber “the sorrow of life lost is huge” – ihr Kummer sei gewaltig. Ihre chronische Erschöpfung und die daraus resultierende Isolation schränken sie in ihrem Leben zwar stark ein, dennoch wird ihre Stärke und ihr Wille als Performerin zu arbeiten deutlich spürbar.

Abschließend wollen wir noch unsere persönlichen Eindrücke festhalten:

Leylâ: Ich fand die Performance ziemlich verstörend, da sie mich teilweise an eine Art Exorzismus erinnert hat. Dennoch – mit dem Kontext im Hintergedanken- fand ich, dass Oma ihre Message ziemlich deutlich durch Bewegung und Worte zum Ausdruck gebracht hat. Die verstörenden Eindrücke haben definitiv weitergeholfen, um sich der Situation von ME Patienten bewusster zu werden.

Ida: Für mich zeigt die Performance “Karantena # millionsmissing” auf beeindruckende und gleichzeitig berührende Weise die Kraft aber auch gleichzeitig die Inkaufnahme völliger physischer und mentaler Verausgabung einer Tänzerin. Die von Wut über Aggression hin zu einem Annehmen ihrer Situation reichenden Emotionen, werden trotz oder gerade durch die Live-Übertragung in meine eigenen Vier-Wände transportiert, beschäftigen mich noch deutlich länger als die 30-minütige Live-Performance und schaffen abermals ein Bewusstsein für mir zuvor unbekannte Erkrankungen und Lebensrealitäten, die durch solche Arbeiten sichtbar werden und so vielleicht auch das Gefühl der Isolation für betroffene Personen ein wenig abbauen können.