Schule der Achtsamkeit

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Co-Kurator Jeremy Wade, Robert McRuer und James Leadbitter © Holger Rudolph

Beim ersten Panel vom “Who Cares?”-Symposium stellten Robert McRuer und James Leadbitter verschiedene Formen von Kunst und Aktivismus vor

Wie riecht mental care, psychische Fürsorge? Nach Sommer, schwarzem Kaffee, frisch gemähtem Grass. Das hat James Leadbitter herausgefunden. Der Performer, der unter dem Künstlernamen the vacuum cleaner arbeitet, hat eine lange Reihe von Psychiatrieaufenthalten hinter sich. Manche waren freiwillig, andere Zwangseinweisungen. Eines hatten die Psychiatrien gemeinsam: Sie waren Verwahrorte, keine Umgebungen, die den Heilungsprozess der Patienten unterstützten. Deshalb hat Leadbitter gemeinsam mit Hannah Hull das Projekt „Madlove – A Designer Asylum“ initiiert: Gemeinsam mit anderen Betroffenen sammeln sie Ideen, wie ein idealer Ort aussehen könnte, der Freiräume bietet für Gespräche zwischen Menschen mit und ohne psychische Schwierigkeiten, Ärzten und Akademikern, Designern und Künstlern, ohne Stigmatisierung zu erfahren.

Ein Beispiel, wie gut Kunst und Aktivismus zusammengehen. Auch sprachlich: Artivism heißt das neue englische Wort, das Art und Activism kombiniert. Das erste Panel des Symposiums „Who Cares?“, das der Performer Jeremy Wade und die Tanzjournalistin Astrid Kaminski fürs diesjährige Grenzenlos Kultur kuratierten, brachte dafür zwei Koryphäen zusammen: Neben Leadbitter sprach Robert McRuer, Englisch-Professor und Experte für Queer Theory, Disability Studies und American Studies. Seine These: Artivism ist ein Resultat der Austeritätspolitik, jener Politik der sozialen Härte, die insbesondere in Großbritannien und den USA Außenseiter wie Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung verarmen lässt, teils bis zum Hungertod.

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Robert McRuer mit den Skulpturen aus der Performance von Liz Crow © Holger Rudolph

Was läuft falsch in einer Gesellschaft, in der Fürsorge primär den medizinischen Aspekt umreißt, anstatt neue Modelle zu entwickeln die eine zwischenmenschliche Fürsorge zum Thema macht? McRuer berichtet in seinem Vortrag über die in London lebende Künstlerin Liz Crow und ihre Performance „We Are Figures“. In zwölf Tagen und Nächten formte Crow, die im Rollstuhl sitzt, 650 kleine Figuren ohne Gliedmaßen aus dem Tonschlamm der Themse. Jede Statue repräsentiert eine individuelle Geschichte, die im Online-Archiv der Seite nachgelesen werden kann.

Viele dieser Geschichten treiben einem die Tränen in die Augen. Sie handeln davon, wie Menschen mit Hilfsbedarf verarmten, weil Großbritannien ein Teil seiner Fürsorgepflicht an die Firma Atos outgesourct hat. Atos unterteilt die Menschen in arbeitsfähig und arbeitsunfähig und verhängt Sanktionen. Nach einem zweifelhaften, viel zu groben Fragebogen werden viele Menschen als arbeitsfähig eingestuft, obwohl sie im Gegenteil dringend Unterstützung und Hilfe brauchen.

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James Leadbitter vor seiner Präsentation © Holger Rudolph

Wie Leadbitter. Ihm wurden Leistungen gestrichen, nachdem er Fragen wie „Können sie morgens alleine aufstehen?“ mit „Ja“ beantwortete. Er nennt dieses Verfahren einen „Krieg gegen Behinderte“. Auch das war einer der Gründe, ein Projekt wie „Ship of fools“ (Narrenschiff) ins Leben zu rufen. Dafür verwandelte er seine Wohnung für 28 Tage in eine Fürsorge-Einrichtung. Gemeinsam mit anderen psychisch Unterstützungsbedürftigen, die ebenfalls oft traumatische Erfahrungen in psychiatrischen Einrichtungen gemacht hatten, entwickelten sie Räumen, ideal, um psychischen Stress abzubauen und sich gegenseitig zu unterstützen. Gemeinsam sammelten sie Ideen und erstellten mit Hilfe der Illustratorin Rosemary Cunningham ausdrucksstarke Mindmaps. Das Resultat: „Madlove – A Designer Asylum“. Da gibt es neben gemeinschaftlichen Begegnungsräumen, einer eigenen Bäckerei und einem Fluss auch Baumhäuser als Rückzugsorte im ruhigen Wald.

Sowohl die Aktionen Crows wie die Leadbitters haben öffentliche Diskussionen ausgelöst und ragen weit in die Realität hinein, haben transformatorische Kraft. Sie zeigen, wie wichtig eine kritische Auseinandersetzung aus dem Blickwinkel eines Menschen mit Behinderung ist, um die komplexe Wertigkeit von Fürsorge im Hinblick auf die Sparpolitik verstehen und deuten zu können. Der Ansatz ist aber auch gesamtgesellschaftlich relevant, weil er zeigt, wie man durch Achtsamkeit Verantwortung für sich und andere übernehmen kann.

Ein Beispiel auch für Menschen, die keine psychischen Probleme haben oder von der Gesellschaft behindert werde. Leadbitter weist etwa darauf hin, dass er für Gastspiele seiner Performance „Mental“ von den Veranstaltern eine Anreise mit der Bahn einfordert, zwei spielfreie Extratage vor Ort und eine Erstattung aller Auslagen, auch wenn er die Performance abbrechen sollte. Das könne jeder, sagt er, auch das sei eine Art von mental care. In Zeiten der maximalen Selbstausbeutung insbesondere von Selbstständigen, aber auch von Angestellten ist das was, worüber man durchaus nachdenken sollte.

Georg Kasch

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur bei nachtkritik.de, schreibt für Tages- und Wochenzeitungen und bastelt Sendungen für den Rundfunk. Außerdem unterrichtet er an der Freien Universität Berlin und an der Bayerischen Theaterakademie in München. www.georgkasch.de