
Die Schwestern Christina und Elisabeth Schelhas sind das neue Leitungsteam von „Grenzenlos Kultur“ – einem der ältesten und wichtigsten inklusiven Theaterfestivals Deutschlands, das in diesem Jahr zum 28. Mal stattfindet. Mit ihren eigenen Erfahrungen im Theaterkollektiv SchelhasCoOperation wollen sie das Festival weiter in die Zukunft bringen. Die Ausgabe in diesem Jahr ist die erste Ausgabe unter ihrer Leitung.
Was ist das „Grenzenlos Kultur Festival“?
Christina Schelhas: Das „Grenzenlos Kultur Festival“ ist ein inklusives Theaterfestival, das jedes Jahr elf Tage lang am Staatstheater Mainz stattfindet.
Elisabeth Schelhas: Wir vereinen sehr spannende Produktionen aus dem internationalen Raum von professionellen Künstler*innen mit Behinderung und inklusiv arbeitenden Kollektiven. Uns war bei der Programmzusammenstellung auch wichtig, ein ästhetisch vielfältiges Spektrum zu zeigen und sichtbar zu machen, wie die internationale inklusive Szene in diesem Jahr aufgestellt ist.
Das Motto des „Grenzenlos Kultur“-Festivals ist in diesem Jahr „Ver·rückte Jahre“. Wie kamt ihr auf dieses Motto?
Christina Schelhas: Das Festival lehnt sich an das Motto vom Kultursommer an „Goldene Jahre?“. Wir haben uns das Thema angeeignet und haben es umgewandelt. Das „Verrückt“ wird dabei mit einem Punkt aus der Leichten Sprache geschrieben.
Was kann man unter dem Motto verstehen?
Christina Schelhas: Der Name ist Programm. Das heißt, wir verrücken die Perspektive und fragen, wie der gesellschaftliche Stand von Personen mit Behinderung heute ist. Was hat sich verändert, was ist gleich geblieben?
Elisabeth Schelhas: Und auch Themen, die die 1920er Jahre des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt haben, wie Arbeit, Feminismus, Wohnen, gesellschaftliche Umbrüche. Sehr gesellschaftspolitisch relevante Themen, die auch jetzt, hundert Jahre später, leider immer noch hochaktuell sind. In unseren Stücken werden sie verhandelt aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung.
Auf welche Inszenierungen dürfen wir uns passend zum Motto in diesem Jahr freuen?
Christina Schelhas: Eine spannende Produktion ist unsere Eröffnungspremiere It’s a Motherf**king Pleasure. Die kommt zum ersten Mal nach Deutschland, worauf wir sehr stolz sind. Es ist eine preisgekrönte Inszenierung, die die Frage stellt: Kann man aus Behinderung Kapital schlagen? Sie stellt das gängige Klischee, wie in unserer Gesellschaft über Behinderung gesprochen wird, sehr klug infrage.
Elisabeth Schelhas: Außerdem gibt es gleich am ersten Wochenende eine spannende Arbeit, Freak Show. Das sind verschiedene Performance-Künstler*innen aus Polen, die das Thema auch sehr provokant angehen, also ein richtig cooler Off-Abend.
Christina Schelhas: Es gibt auch eine feministische Late-Night-Show, 33 Frauen, die sich mit der Repräsentation von berühmten Frauen in der Geschichte beschäftigt. Bei Altbau in zentraler Lage ist das Spannende, dass Gebärdensprache und Lautsprache gleichberechtigt auf der Bühne stehen. Und dann haben wir natürlich Enter the Robots – Die Roboter kommen, die sich mit den 2020er Jahren der Neuzeit beschäftigen. Das ist eine Straßenperformance, zu der jeder eingeladen ist zu kommen, also auch ohne Ticket.
Elisabeth Schelhas: Das sind jetzt nur ein paar der vielen Inszenierungen, die man an den elf Tagen sehen kann.
Wann und wie seid ihr das erste Mal mit dem Festival in Kontakt gekommen?
Christina Schelhas: Das Festival „Grenzenlos Kultur“ haben wir zuerst als eingeladene Künstlerinnen kennengelernt und haben uns da einfach verliebt. In die Atmosphäre, in das Staatstheater Mainz und in die Stadt und haben dann beschlossen, dass wir teilhaben wollen an der Organisation.
Was waren bisher eure Aufgaben für das „Grenzenlos Kultur Festival“?
Christina Schelhas: Elisabeth war lange Zeit Produktionsleitung und ich war freiberuflich als Kuratorin und als Projektleitung für Sonderformate beschäftigt.
Ihr habt in diesem Jahr gemeinsam die Festivalleitung übernommen. Wie sieht die Aufgabenteilung bei euch aus?
Christina Schelhas: Grundsätzlich arbeiten wir sehr gerne im Team, darum auch die Doppelspitze als Co-Leitung. Die ganz konkreten Aufgaben, die so organisatorisch anfallen, teilen wir uns dann auf. Ich zum Beispiel habe die Produktionsleitung innerhalb von diesem Festival. Die inhaltlichen Absprachen, was Kuration anbelangt, und alle anderen wichtigen Fragen entscheiden wir gemeinsam.
Was sind eure Zukunftspläne für das Festival?
Elisabeth Schelhas: Unser großer Wunsch ist, dass das Festival noch lange gut finanziert wird und weiter bestehen kann.
Ganz konkret wollen wir mit unserem Programm noch mehr in die Stadtgesellschaft hineinwirken und uns verbinden. In diesem Jahr haben wir eine Straßenperformance, die auf dem Tritonplatz und vor der Deutschen Bank stattfindet. Damit bekommen hoffentlich noch mehr Mainzer*innen mit, was wir für ein tolles Programm haben.
Christina Schelhas: Ein Wunsch ist es auch, dass unser Festival irgendwann das ganze Staatstheater bespielt, auch das Große Haus, und wir damit ein noch größeres Publikum erreichen. Inklusive Produktionen sollen die großen Bühnen der Städte erobern.

Was wünscht ihr euch sowohl für das Festival als auch für die Kulturszene im Hinblick auf Inklusivität?
Christina Schelhas: Wir würden gerne unser Team vergrößern und noch mehr Personen mit Behinderung einschließen. Auch wünschen wir uns, dass das internationale Programm bestehen bleiben kann und dass wir es schaffen, weiterhin große Produktionen einzuladen, weil wir dadurch die Bandbreite der Disability-Arts-Szene zeigen können. Das ist in Zeiten, in denen die Förderungen knapp werden, eine große Herausforderung.
Bei jedem Festival versuchen wir auch – und ich würde sagen, das gelingt uns sehr gut –, einen Schritt weiterzugehen, was die Zugänglichkeit für das Publikum anbelangt. Das heißt, wir versuchen ständig, neue Formen und Maßnahmen zu integrieren, damit wir ein sehbehindertes Publikum erreichen, ein Publikum, das in Gebärdensprache kommuniziert, oder Personen mit Lernschwierigkeiten. Das ist natürlich auch eine Budgetfrage – aber genau da würden wir gerne noch mehr investieren, damit unser Festival am Ende wirklich für alle zugänglich ist.
Wie beeinflussen diese Förderkürzungen eure Arbeit innerhalb eines solchen Festivals?
Elisabeth Schelhas: Die Förderung betrifft nicht nur uns: Wenn die Künstlergruppen keine Förderung mehr bekommen – und das bekommen wir aus unterschiedlichen europäischen Ländern gespiegelt –, können sie nichts mehr produzieren. Aber auch die Institutionen, die vielleicht Reisekosten oder Zuschüsse geben, haben mit dem Budget zu kämpfen. So kommt das dann zusammen: Selbst wenn wir ein tolles Budget haben, könnte es in der Zukunft trotzdem schwierig sein, gute Produktionen einzuladen.
Eure Schwester ist Teil der SchelhasCoOperation. Inwiefern spielt sie bezüglich eurer Arbeit noch eine Rolle?
Christina Schelhas: Wir sind in sehr engem Kontakt und sie besucht sehr viele von unseren Festivals.
In dieses Festival ist sie jetzt nicht involviert, aber wir haben sie natürlich sehr herzlich eingeladen und würden uns freuen, wenn sie kommt, aber auch sie ist eingebunden in ihrer Arbeit in Bonn.
Elisabeth Schelhas: Wir haben dieses Jahr in Wismar das Straßentheaterfestival BOULEV·ART durchgeführt. Hier hatten wir ganz viele Helfer*innen, die den Infopoint betreut haben, und auch nach den Vorstellungen Spenden eingesammelt haben. Theresa war zuerst als Besucherin da, hat dann aber spontan mit Spenden eingetrieben und war sehr engagiert und stolz dabei.
Warum darf man das „Grenzenlos-Kultur“-Festival auf keinen Fall verpassen?
Christina Schelhas: Das ist natürlich das Highlight des Jahres. Auf jeden Fall das Highlight der internationalen Mainzer Kulturszene. Es gibt einfach so unterschiedliche Stücke, es lohnt sich, mehrfach zu kommen, und es ist wirklich für jede Person etwas dabei. Es sind ganz unterschiedliche Ästhetiken und einzigartige Produktionen, die man so noch nicht gesehen hat. Also wirklich etwas Außergewöhnliches.
Elisabeth Schelhas: Was besonders ist, ist das Showcase am ersten Wochenende. Da haben wir deutsche inklusive Künstlergruppen eingeladen, vor internationalen Festivalmacher*innen und Programmkurator*innen ihre Arbeiten zu pitchen. Das ist zwar nicht öffentlich, außer man kommt zur Party am Samstag. Da treffen sich dann alle – falls man mal vielleicht ein Praktikum in Edinburgh machen will. Was auch besonders ist: Es gibt am Sonntag einen Abend unter dem Titel EigenRegie. Das sind professionelle Künstler*innen mit Behinderungen, die ihre Regiearbeiten präsentieren. Drei Stücke für ein Ticket.