Augenblick ohne Erlösung

Sven Normann
Sven Normann © Jonas Ludwig Walter

Hommage an Sven Normann: Heute Abend zeigt Grenzenlos Kultur den Film “Die Menschenliebe”

Es gibt Schauspieler, deren Präsenz brennt sich ein. Lässt sich sofort rekapitulieren. Ihre Art,Worte zu modulieren. Den Kopf zu wenden. Mit winzigen Gesten große Geschichten zu erzählen. Sven Normann war so einer. Ein Feinzeichner, ein Schattierer innerhalb der kräftigen Striche, die er auch zu setzen vermochte. Einer, der allein durch die Strahlkraftstufen seiner Augen den Übergang von Euphorie zu Enttäuschung skizzieren konnte.

Normann starb überraschend im vergangenen April – mit nur 31 Jahren. Nun verneigt sich das Festival Grenzenlos Kultur vor diesem Ausnahmekünstler: Heute Abend zeigt es Maximilian Haslbergers Film “Die Menschenliebe” von 2014, in dem Normann eine der beiden Hauptrollen spielt, den bisexuellen Sven, der körperliche Nähe und Zuneigung nur durch Prostituierte erfährt.

Bei Grenzenlos Kultur war er zwei Mal zu Gast: Als Odysseus in “Philoktet” 2014 spielte er den Widerpart der Titelrolle, ein kühler Ideologe und Fädenzieher, für den Macht nichts mit Kraft zu tun hat, sondern mit Geist. Und als Prospero in “Lost Love Lost” 2012: “Was einem vor allem in Erinnerung bleibt, ist Prosperos hilfloses Wüten”, schrieb der Berliner Tagesspiegel nach der Premiere. “Es ist von einer kreatürlichen Wucht und zeigt, was RambaZamba auch kann. Unversöhnlich sein.”

Zum Theater RambaZamba gehörte er seit 2008, nachdem er zunächst eine Ausbildung als Bürokraft machte. Dabei wollte er schon mit 17 Schauspieler werden. Seine Ausdruckskraft, seine Wandlungsfähigkeit, sein ungeheuer sprachgenaues und zugleich höchst körperliches Spiel gaben ihm Recht. “Man möchte fast glauben, einzig ihn hätte Beckett vor Augen gehabt, als er die Rolle des gelähmten Blinden konzipierte”, schrieb die Junge Welt über seinen Hamm im “Endspiel”.

Höhepunkt seiner Karriere aber war “Die Menschenliebe”. Der Film, der 2015 auf der Berlinale in der Reihe Perspektive Deutsches Kino lief und seitdem über die Festivals tourt, spielt mit dem Genre der Dokufiktion: Was ist echt, was erfunden? Es gibt viele bemerkenswerte Szenen in diesem Film, aber eine pulsiert besonders nachhaltig im Kopf. Da telefoniert Normann mehrere männliche Sexarbeiter durch, sagt immer wieder, dass er im Rollstuhl sitzt, fragt, ob sie damit ein Problem haben. Die einen sagen gleich ab, die anderen schützen Terminprobleme vor. Normann schlägt für dieses Telefonieren einen ziemlich routinierten Ton an. Dennoch trifft ihn jede Antwort, sinkt er mit jeder Absage stärker in sich zusammen, wird sein Blick glasiger, verlorener. Ein Augenblick, in dem es keine Erlösung gibt (auch wenn ihm Haslberger später noch einen Etappensieg gönnt). Dieser Augenblick, dieser Film bleibt.

Georg Kasch

Georg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur bei nachtkritik.de, schreibt für Tages- und Wochenzeitungen und bastelt Sendungen für den Rundfunk. Außerdem unterrichtet er an der Freien Universität Berlin und an der Bayerischen Theaterakademie in München. www.georgkasch.de